Samstag, 24. Januar 2009

Offroader verstopfen Tram und Bus

Durfte mich an diesem schönen Samstag morgen wieder einmal über die zürcher Engstirnigkeit aufregen: Mütter sollen jetzt bitte nicht mehr mit ihren sperrigen Kinderwagen zu Stosszeiten Bus und Tram benutzen, weil es die Platzverhältnisse nicht erlauben.

Denn Mütter haben gefälligst - zusammen mit Alten und Behinderten - während Stosszeiten ganz einfach nichts in der Öffentlichkeit zu suchen. Weder im Migros, noch im Tram. Denn Mütter, die abends um sechs Uhr ihre Kinder von der Krippe holen, sind ja sowieso Rabenmütter und entsprechend nicht existenzberechtigt. Oder?

Gleiche Rechte für alle: Hunde müssten auch nicht bezahlen, finden wir.

Text: Carmen Roshard für den Tages Anzeiger
Bild: Sophie Stieger

Passagiere stören sich daran, dass riesige Kinderwagen das Ein- und Aussteigen zu Stosszeiten im öffentlichen Verkehr erschweren.

Nach den Strassen halten die Offroader nun auch in Tram und Bus Einzug – die Passagiere dieser Monstergefährte sind allerdings Babys. Die heutigen Kinderwagen sind doppelt so gross wie die alten und so stabil, dass man mit ihnen getrost die Alpen überqueren könnte. Eine alltägliche Szene in Zürichs öffentlichem Feierabendverkehr: Durch Kinderwagen verstopfte Ein- und Ausgänge, unpassierbare Durchgänge in Tram und Bus. Die Vehikel des Anstosses: unförmige dreirädrige Offroad-Kinderwagen mit fantasievollen Namen wie Hauck Jeep Shopper 6, Hoco Big Foot oder Urban Jungle. Für den Gebrauch draussen ideal, in der abendlichen Feierabendplatznot jedoch ein Problem. Da diese Vehikel gratis mitfahren, sind vor allem Hundebesitzer verärgert, die für ihre Lieblinge, falls sie nicht in einer «Tasche oder einem Körbli» Platz finden, ein Billett kaufen müssen.

Das sehen VBZ und ZVV anders. Andreas Uhl, Pressesprecher VBZ: «Kinder sind unsere Zukunft und der Mensch kommt vor dem Tier.» Beatrice Henes vom ZVV doppelt nach: «Wir stellen das Kind über den Hund und das Velo.» Zudem würden Kinder bis zum sechsten Lebensjahr in der ganzen Schweiz gratis transportiert, und der Kinderwagen sei das Transportmittel des Kindes. Gründe, etwas an dieser Praxis zu ändern, gibt es weder für die VBZ noch den ZVV.

Die Rentnerin und Hundebesitzerin Nelly Schaller aus Altstetten findet diese Praxis ungerecht. Für ihren Hund, den sie in Bus und Tram stets auf ihren Schoss setzt, braucht sie ein Regenbogen-Abo Junior. Sie müsse manches Mal froh sein, wenn «diese jungen Mütter mit den grossen Kinderwagen» sie überhaupt aussteigen lassen. «Die meinen, der Platz gehöre ihnen», sagt die Rentnerin. Schon ein paar Mal habe sie sich mit einer dieser «frechen Mütter» gestritten und sich auch schon an einen Chauffeur gewandt. Dieser gab ihr zu verstehen: «Das sind unsere Gäste der Zukunft.»

Gehässigkeiten unter Müttern

Das Platz-da-jetzt-komm-ich-Phänomen kennt auch die Tram-Chauffeuse Maya Mägeli: «Die Wagen sind tatsächlich sehr gross, und es steckt auch eine gewisse Arroganz dahinter, wenn man mit einem solchen Gefährt während der Stosszeiten das Tram verstopft.» Von einer eigentlichen «Kampfzone der Kinderwagen» spricht die werdende Mutter Yaël Herz – vor allem in den Linien, die Richtung Zoo und Zürichberg fahren. «Dort kommt es manchmal zu gehässigen Szenen unter den Müttern.» Würden diese ihre Wagen nicht schön quer zur Fahrtrichtung parkieren, könne die eine oder andere ziemlich unfreundlich reagieren. Unter den Müttern herrscht dann plötzlich keine Solidarität mehr, sondern eher ein Konkurrenzkampf wie bei der Parkplatzsuche fürs Auto.

VBZ-Sprecher Andreas Uhl ist sich bewusst: «Das Mobilitätsbedürfnis ist sehr gross», und dafür gebe es in den neuen Trams Sondernutzungsflächen für Kinderwagen und Behindertengefährte. «Wir nehmen beim Kauf neuer Tramwagen Rücksicht auf die Bedürfnisse unserer jungen Kundschaft: Platz, breite Türen, Niederflureinstieg.

Gang an Migroskasse ist zu schmal

Szenenwechsel: Am Vormittag im Soussol des H&M. Zwei junge Mütter mit grossen Babywagen stöbern im Ausverkauf. Angesprochen auf die Grösse ihrer Wagen erwidert die eine: «Ich spaziere viel am Stadtrand und im Wald herum, und zudem lassen sich Trottoirs und sonstige Hindernisse leichter bewältigen.» Und, sagt die zweite, es gebe ihr ein Gefühl von Sicherheit und der Wagen sehe erst noch hipp aus. Einen zweiten Kinderwagen für den Stadtgebrauch können sich beide nicht leisten. Und – es gebe weitaus grössere Wagen als die ihrigen: «Eine Freundin von uns kommt in der Migros nicht mehr an der Kasse vorbei.» Für Diana Gassmann vom Babycenter Zürich West sind nicht die Kinderwagen für den Platzmangel im öffentlichen Verkehr verantwortlich, sondern die Mütter, die während der Stosszeiten in Tram und Bus unterwegs sind.

Glaubt man den Prognosen von Andreas Fritschi vom Bébéhaus Wehrli, so lösen die modernen 4-Rad-Wagen mit schwenkbaren Vorderrädern die grossen Dreiradgefährte langsam ab. Das Platzproblem in Tram und Bus ist ihm bekannt: «Der ÖV ist stark beansprucht, da stört sogar ein Rucksack.» Beim Kauf eines Kinderwagens müsse der Verkäufer fragen, wofür der Wagen gebraucht werde. Ob für die Stadt und das Tram oder für den Feldweg. «In den letzten Jahren war es trendy, einen 3-Rad-Wagen zu stossen – eine Modeerscheinung halt», meint Experte Fritschi. Er ist jedoch überzeugt: «Das Vierrad hat wieder Terrain gewonnen.»

Liebe nicht überbewerten

Wir sollten die Liebe nicht überbewerten, mahnt die in Paris arbeitende amerikanische Psychoanalytikerin Caroline Thompson. Klingt plausibel, finden wir.

Von Finn Canonica für Das Magazin
Bild Sébastien Agnetti

Frau Thompson, wie fest lieben Sie Ihre Tochter?
Was soll die Frage? Ich liebe meine Tochter sehr. Ich sage es ihr nur nicht alle drei Minuten.

Ihr Buch «Die Tyrannei der Liebe» hat in Frankreich für einigen Wirbel gesorgt. Ihre Kritiker stellen Sie in eine reaktionäre Ecke. Es heisst, Sie wollten Kinder wie im19. Jahrhundert erziehen.
Ich habe ein Buch für Eltern geschrieben, die sich ihren Kindern nicht ausliefern oder gar unterwerfen wollen. Ich will nur, dass Eltern sich in ihrer Rolle sicherer und besser fühlen.

Und das soll auf Kosten der Kinder gehen?
Ich glaube nicht, dass kleine Kinder so genau wissen, was ihnen guttut und was nicht.
Ihr Buch liest sich wie ein Pamphlet gegen die Liebe.
Unsinn, sehe ich aus wie eine Frau ohne Liebesleben? Ich bin nur überzeugt, dass die Liebe, der Zustand des Verliebtseins, überbewertet wird. Die Liebe wird in unserer Zeit idealisiert wie in keiner anderen Epoche zuvor. Die Liebe ist zur Ideologie geworden. Liebe ist fast ein Befehl, man muss ständig lieben: seine Kinder, seinen Partner, seinen Job, alles Mögliche. Und dauernd fragen sich Leute: Liebe ich genug? Werde ich genug geliebt? Kein Wunder, entsteht so viel Unglück.

«Und wenn ich allen Glauben habe, Berge zu versetzen, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts», heisst es in der Bibel, im «Hohelied der Liebe».
Die Liebe ist die schönste aller menschlichen Empfindungen, keine Frage. Aber es stört mich, dass heute in Diskussionen um die Qualität einer Beziehung Werte wie Familie, gegenseitige Unterstützung, Freundschaft, Solidarität in Krisenzeiten et cetera fast nebensächlich behandelt werden.

Vielleicht zählen diese Werte einfach nicht mehr,deshalb die hohen Scheidungsraten. Man sehnt sich offenbar nach Romantik in einer harten Welt.
In der steigenden Zahl von Scheidungen drückt sich kein Problem mit dem Modell von Ehe und Familie grundsätzlich aus. Im Gegenteil. Die hohe Scheidungsrate in allen Industrieländern ist Ausdruck einer fast perversen Idealisierung der Liebe innerhalb der Familie. In meiner Praxis sitzen Leute und halten sich für krank, weil sie ihren Ehepartner nicht mehr lieben wie am ersten Tag oder weil sie merken, dass sie ihre eigenen Kinder manchmal aus dem Fenster schmeissen könnten.

Glauben Sie grundsätzlich, dass Leute zu schnell aus Beziehungen aussteigen?
Ja, vor allem Eltern mit kleinen Kindern geben zu schnell auf. Es heisst dann, es sei das «Beste gewesen für das Kind» oder es sei nicht gut, wenn Kinder Beziehungen miterleben müssten, in denen die Leidenschaft fehle. Das sind absurde Argumente, so als ob kleine Kinder schon in der Lage wären, Beziehungen von Erwachsenen zu beurteilen.

Vielleicht sollten wir alle weniger lieben, in unserem eigenen Interesse?
So kann man das nicht sagen. Die Liebe muss ein Ideal bleiben, aber sie darf nicht idealisiert werden. Etwas zu idealisieren heisst, sich der Realität zu verweigern. Und in der Realität ist die Liebe immer ein ambivalentes Gefühl, es gibt keine Liebe ohne Hass. Ich werde immer dann misstrauisch, wenn Leute von reiner Liebe schwärmen. Solche Menschen neigen dazu, ihr Liebesobjekt irgendwann zu verachten, ihm vorzuwerfen, es sei ihrer Liebe nicht würdig.

In Ihrem Buch kritisieren Sie hauptsächlich die übertriebene Liebe, welche Eltern ihren Kindern entgegenbringen.
Ich kritisiere nicht, ich stelle nur fest, dass manche Mütter oder Väter sich mit ihren Kindern so verhalten, als befänden sie sich in einer Liebesbeziehung.
Sie urteilen hart und geben gleichzeitig keine Ratschläge.
Moment, ich habe keinen Ratgeber geschrieben. Ich mag Ratgeber nicht, sie sprechen einen immer als Opfer an. Aber ich glaube, es ist nützlich, wenn man gewisse Dinge durchschaut. In Bezug auf das Verhältnis zu einem Kind sollte man verstehen, wie sehr die Schwäche des Kindes uns zwingt, ständig präsent zu sein, es zu lieben. Dieser Druck kann vorübergehende Aggressionen gegen unsere eigenen Kinder wecken. Wer diese negativen Gefühle spürt, aber gleichzeitig glaubt, man müsse sein Kind immer mit Liebe überschütten, dreht durch.

Lesen Sie auch die weiteren Interviews mit Caroline Thompson:

Kinder vom hohen Thron holen
Kinderliebe vs. Partnerliebe
Kindische Erwachsene

Caroline Thompson ist New Yorkerin. Sie arbeitet als Psychoanalytikerin in der psychiatrischen Abteilung für Kinder und Jugendliche am Hôpital de la Pitié-Salpêtrière in Paris. Ihr Buch «Die Tyrannei der Liebe» ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen.

Sonntag, 18. Januar 2009

Wüüüste Wörter sagt man nicht

Da nützt die beste Erziehung nichts, kaum kommen unsere Kinder in den Kindergarten, lernen sie wüüüste Wörter. Oder auch nicht.

Kennt ihr die mütter-nervende Autöli, die in jedem Supermarkt stehen und die uns hart arbeitender Mittelschicht jedesmal einen Franken abluchsen wollen, nur um unsere eh schon überaus bewegungsfreudigen Kinder zu schaukeln? So eins steht auch bei uns im Quartier-Migros. Zur Zeit ist es ein Londoner-Taxi (Ja, sie wechseln die Dinger nämlich auch noch aus, damit es den Kids nicht langweilig wird. Und wir noch mehr Einfränkler liegen lassen.)

Gestern beim Einkaufen wollte mein Grosser natürlich zum x-ten Mal in eben dieses Taxi sitzen. Da ich ihm weismachen konnte, dass Mami keinen Batzen für den Schlitz hat, musste er eben selber für "Action" sorgen.

So schaute er, kaum sass er im Wagen, zum Fenster hinaus und schrie: "Was isch los, du SCHLAFSECKEL!". Echt! Ohne Scheiss! (Er meinte wahrscheinlich nicht einen eingeschlafenen Sack, sondern wohl das Geschlechtsteil des wolligen Vierbeiners.) Ich war schockiert. Und die einkaufende Bevölkerung unseres Quartiers ebenso. Es half auch nicht zu wissen, dass der Kleine gar nicht wusste, was er sagte. Sein "Publikum" wusste das nämlich nicht. Natürlich galten die tadelnden Blicke trotzdem nicht ihm, sondern - wem wohl? - mir!

Woher er das Wort hat? Nein, nicht aus dem Kindergarten. Da sind sie immer noch nicht innovativer, es reicht gerade mal für "Arschloch, dummi Chue!" Den herben Ausdruck für Bauernhoftier-Genitalien hat er von dem Autofahrer, der immer, und zwar sofort, ausflippt, wenn jemand nicht genauso fährt, wie er sich das vorstellt: seinem Vater.

Was soll die peinlich betroffene Mutter da schon sagen? "Gar nöd guet" ist irgendwie nicht so fetzig...

Neue Studie über Angst vor der Schule

Zehn Prozent eines Jahrgangs sind von Ängsten betroffen

Von Nicole Meier


Sie fürchten sich vor Lehrern und Klassenkameraden oder wollen sich nicht von der Mutter trennen: Immer häufiger müssen Kinder psychiatrisch behandelt werden, weil sie an Störungen leiden, die nicht von selbst verschwinden.

Eine bisher unveröffentlichte Studie zeigt: Jährlich werden schweizweit über 33 000 Kinder und Jugendliche behandelt. Tendenz steigend. Am häufigsten sind Ängste. Rund 10 Prozent eines Schuljahrgangs sind davon betroffen - der grösste Teil sind schulbezogene Ängste.

Die Studie des ehemaligen Präsidenten der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Patrick Haemmerle, kommt zum Schluss: In der Schweiz ist das Angebot an geeigneten Einrichtungen ungenügend. Seine Arbeit dient den Kantonen als Grundlage für die Bedürfnisabklärung. Einige haben bereits reagiert. In Kriens LU wird im Februar eine Therapiestation für 6- bis 12-Jährige eröffnet, in Winterthur und Biel sollen neue Angebote für die Jüngsten entstehen.

Neben Ängsten treten vor allem aggressive Störungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Sozialphobien und Depressionen häufig auf.

Ging die Fachwelt früher davon aus, dass sich kindliche Störungen mit dem Alter auswachsen, setzt sich europäischen Studien zufolge eine ernüchternde Erkenntnis durch: Wer als Kind psychisch erkrankt, ist als Erwachsener anfälliger für Ängste, Depressionen und Suizid.


Dienstag, 13. Januar 2009

Die Spielverderber

«Der Besuch eines Puppentheaters ist eine pädagogisch sinnvolle Freizeitbeschäftigung für Kinder», war auf dem Flyer zu lesen. Der sollte uns 50 Mütter und Väter, die an diesem kalten Januartag ihre Kinder in das kleine Theater ausserhalb von Washington DC gefahren hatten, in unserem Tun bestätigen.

Von Nicole Althaus

Als engagierte Mutter hätte man sich getrost zurücklehnen können. Die lieben Kleinen wurden von jemandem anderen unterhalten und lernten nebenbei erst noch, «sich in andere Charaktere einzufühlen und Handlungen zu antizipieren». Doch an ein Nickerchen war nicht zu denken. Denn im Saal sassen neben gespannten Kindern fünfzig angespannte Eltern, denen offenbar ein Ziel gemeinsam war: Das Optimum aus der Veranstaltung herauszuholen - respektive aus dem Kind. Der engagierte Vater in der vorderen Reihe stellte seinem Töchterchen eine Frage nach der anderen, um zu kontrollieren, ob es sich auch korrekt in die Puppenfiguren einfühlte. Die Mama daneben störte die Aufmerksamkeit ihres Sohnes in regelmässigen Abständen: «Ahnst du jetzt, wie die Geschichte enden könnte?»

Die Operation Optimierung überrollt das Kinderzimmer

Generationen von Kindern hatte der Kasperli für eine Stunde in eine andere Welt entführt. Im Jahr 2009 ist er zur bitterernsten Lektion in Empathie verkommen.

Man könnte sich mit der typisch mitteleuropäischen Manier über die US-amerikanischen Eltern amüsieren, die alles gern ein bisschen übertreiben. Doch der Trend ist längst auch hier angekommen. Nach dem Büro überrollt sie nun das Kinderzimmer: die Operation Optimierung.

Genügte dem Baby früher eine Krabbeldecke, wird heute schon der zweimonatige Säugling auf einer Activity Playmat mit verschiedenen Farben, Oberflächen und Hängekonstruktionen frühgefördert. Ging man vormals mit den Kindern sonntags Wandern, muss es heute mindestens ein Lernpfad sein.

Die Kindheit wird seziert, pädagogisch überholt und didaktisch aufbereitet. Und eben deshalb droht sie zu verschwinden. Denn einer der wesentlichen Bestandteile, das wertfreie und ungezwungene Spiel, ist in Verdacht geraten, blosse Zeitverschwendung zu sein. Die amerikanische Soziologin und Autorin Barbara Ehrenreich befürchtet, dass die pädagogische Annektion der Kindheit durch die wirtschaftliche Krise noch verschärft wird: «Wer sich vor dem sozialen Abstieg fürchtet, erhöht den Druck auf die Kinder», analysiert sie. Vorab moderne Mittelstandseltern übertrügen den Wettbewerb, den sie im eigenen Berufsleben erfahren, auf den Nachwuchs. Schon in der Kinderkrippe werde dieser heute auf Karriere getrimmt.

Die Angst, dass gut einfach nicht gut genug sein könnte, hat zu einem gigantischen «Mummy Market» geführt. In den Staaten ist er letztes Jahr auf 2,1 Billionen Dollar Umsatz angewachsen. Vom ersten Computer fürs Baby, über Wissenschaftsspiele und Bücher für «Superkids», bis hin zu Selbstdarstellungstrainings für Teenager bietet der moderne Erziehungsmarkt alles für die Optimierung des Projektes Kind.

In der Schweiz wird dieser Markt noch nicht von Spielzeug-marken dominiert, die «SuperKids» heissen oder «Genius babies», aber der Förderungsgedanke ist auch hier omnipräsent: Mit dem Gewächshaus-Experimentierkasten der «Galileo»-Redaktion etwa darf die 9-jährige Tochter am Schreibtisch lernen, Tomaten und Basilikum zu ziehen. Dessen Inhalt besteht aus sechs Töpfchen, sechs sauber verpackten Torfplättchen, Samen, einem kleinen Treibhaus aus Plastik. Und einer Anleitung mit anschaulicher Einführung in den chemischen Prozess der Photosynthese. Gärtnern mit Grosi hinterm Haus ist von gestern. Und macht schmutzige Hände.

Jedem Spass hängt man ein pädagogisches Mäntelchen um

Für das 5-jährige Schwesterchen lag das «Experiment Nummer 602048 - Seifenblasen» von Kosmos unter dem Weihnachtsbaum. Damit könnte das Mädchen nun mit «Röhrenplatten» und «Konstruktionsstäbchen» Seifenblasen in verschiedenen Formen herstellen und die Naturgesetze dahinter verstehen lernen. Nur ist Seifeblöterle damit so kompliziert geworden, dass das Kind die Supervision von Mama oder Papa braucht. Früher hat es das gut und gern allein gemacht. Die physikalische Frühförderung kam damals vielleicht zu kurz. Aber die Tochter hatte wenigstens Spass gehabt.

Doch dem Spass hängt man heute ein pädagogisches Mäntelchen um. Man muss ihn rechtfertigen. In Zeiten, in denen sogar das Mobile über dem Wickeltisch Lernerfolg generieren soll, müssen Kinder bald dankbar sein, wenn sie noch Schneemänner bauen dürfen, ohne vorher den Aggregatszustand des Wassers in seiner chemischen Formel bestimmt zu haben.

Umgekehrt finden sich auf dem Buchmarkt mittlerweile unzählige Titel, die den Kindern weismachen wollen, dass Dinge Spass machen, auch - nein gerade - wenn sie es nicht tun: «So macht Mathe Spass» preist sich ein Buch an. «Hausaufgaben - fit in 30 Minuten» verspricht mehr Spass
in der Schule für «Kids auf der Überholspur».

Beliebt sind auch die Kinderknigge-Kurse in teuren Hotels (der Vorweihnachtskurs im Luzerner Palace war ausgebucht), wo «Benimm Spass macht». Jeder, der schon mal versucht hat, einem Kind Tischmanieren beizubringen, weiss, dass dieser Erziehungs- akt der allgemein bekannten Definition von Spass nicht gerecht wird. Rülpsen nach dem Essen macht Spass. Sich dafür entschuldigen nicht.

Wäre die Lage nicht so ernst, man müsste laut lachen: Einerseits sollen Kinder von all dem, was einst Spass gemacht hat, nun plötzlich ganz viel lernen - was mitunter eben keinen Spass mehr macht. Andererseits dürfen sie nicht mehr mit Erziehungsinhalten belästigt werden, die nicht lustig sind oder als Spiel daherkommen.

Leider ging während dieser Entwicklung etwas ganz Wesentliches vergessen: Spielen und Spass haben gehören zu den wenigen Tätigkeiten, die Eltern dem Nachwuchs nicht vorschreiben können. Es gibt kein selbstvergessenes Spiel auf Befehl, keinen Spass auf Kommando. Kinder spielen nicht, um etwas zu lernen. Sie lernen, wenn sie spielen.

«Kinder brauchen Zeit, um sich selber zu sein»

Genau dieses freie Spiel aber ist heute nicht mehr selbstverständlich. Das beweisen die monatlichen Elternbriefe der Pro Juventute an frischgebackene Mütter und Väter in der Schweiz. Kinder bräuchten neben Ballettunterricht und musikalischer Frühförderung, neben Englisch und Babyschwimmen auch einfach Zeit, das wird darin immer wieder betont: «Zeit, um ihr eigenes fantasievolles Spiel zu entwickeln und mit allen Sinnen eigene Erfahrungen zu machen. Zeit, um sich selber zu sein.»

Die Kindheit scheint ernsthaft bedroht, wenn man Eltern an die erste aller Wahrheiten erinnern muss: dass ihre Kinder Kinder sind.

Publiziert am 09.01.2009
von: sonntagszeitung.ch

Sonntag, 4. Januar 2009

Im Namen des Kindes

Wenn Paare sich scheiden lassen, erhalten meistens die Mütter das Sorgerecht. Viele Väter sind daher frustriert. Der Bundesrat will ihnen jetzt mit einem neuen Gesetz helfen. Und gibt den Vätern mehr Einfluss. Hat er sich das gut überlegt?

Text: Mathias Ninck für DAS MAGAZIN


Die Kohlers sind eine ordentliche Familie. Ja, richtig ordentlich sind sie und durchorganisiert und systematisch. Und doch, die Kohlers leben in einem Nest. So nennen sie es, und das klingt natürlich ein wenig nach Durcheinander, nach herumliegenden Stofftieren, nach umge-kippten Schultheken, verstreuten Farbstiften und Strumpfhosen, das riecht nach der warmen Muffigkeit einer Familie, die sich tapfer und vergeblich der ewigen Kraft der Unordnung entgegenstemmt.
In dem kleinen unspektakulären Einfamilienhaus, weiss gestrichen, mit Steinplatten und frisiertem Buchsbaum davor und einem Wintergarten dahinter, sauber aufgereiht neben sieben identischen Häusern, irgendwo in der Agglomeration zwischen Baden und Basel, liegt aber kaum etwas herum. Kein Buch, keine Spielsachen, kein Verschönerungs-Schnickschnack, weder Blumen noch Fotos oder Kinderzeichnungen. Eine Kerze, das ja. An der Wand die Stundenpläne der drei Kinder. Die Stube: ein Esstisch, sechs Stühle, ein Regal. Die Vorhänge haben ein lila Blumenmuster. In den Kinderzimmern: Bett, Pult, Einbauschrank. Beim Jüngsten, dem zehnjährigen Sven, immerhin, verweist etwas unübersehbar auf eine Leidenschaft; an der Wand hängt das Poster von Fernando Torres, dem Spitzenfussballer beim FC Liverpool.

Die Nüchternheit dieses «Nests» ist wohl der Tatsache geschuldet, dass die Wohnung praktikabel sein muss: Gion und Denise Kohler (die in Wirklichkeit anders heissen), die Eltern, fliegen wie Vögel ein und aus und versorgen abwechselnd die Jungen mit Futter und Zuneigung. Vor zwei Jahren, ein paar Monate nach ihrer Trennung, haben sie das so eingerichtet, haben das «Nestmodell» gewählt, wie es die Juristen nennen. Die Eltern sind ausgezogen, jeder in eine eigene, billige Einzimmerwohnung, die Kinder blieben, wo sie immer waren. Ist der Vater dran, zieht er zu den Kindern, kocht und putzt und wäscht, und dann packt er seinen Rucksack und geht wieder, während Denise auf dem Velo sitzt und aus Lenzburg anreist. Manchmal kommen mit den Eltern die neuen Partner mit, es ist ein Ein und Aus, vier Erwachsene und drei Kinder, die in wechselnder Formation in dem Haus zusammenleben.
Im März 1994 hat Gion Kohler in der Zeitung eine Annonce aufgegeben. Suche Leute zwischen 25 und 40 für Hochgebirgstouren. Er war 30 Jahre alt. Zehn Leute meldeten sich, darunter die damals 24-jährige Denise, im Sommer darauf war sie schwanger. Hochzeit im Februar 1995, «es war eine Hochzeit in Weiss», sagt sie, «es lag haufenweise Schnee». Gion und Denise sitzen am Stubentisch, ein eiskalter Nachmittag im November, schwärmerisch erzählt sie von dieser Hochzeit im Berghotel Waldhof, von den «vielen schönen Produktionen», vom Gedicht ihrer Schwester… Da unterbricht er sie mitten im Satz: «Bist du verlobt?»
Sie senkt den Blick auf ihre rechte Hand. «Nein, es ist ein Freundschaftsring. Hast du den jetzt zum ersten Mal gesehen?»
«Den sehe ich zum ersten Mal.»
«Hab ihn auch ganz neu.»
Sie schauen sich an.
«Ich möchte dann nicht zu spät sein mit Gratulieren», sagt er trocken.
Da wiehert sie vor Lachen und sagt: «Herrgott, du bisch eine.»

Im Herbst 2008 hat das Gericht die Kohlers geschieden, seit drei Wochen ist das Urteil rechtskräftig. Die Ehe ist vorbei, vierzehn Jahre nachdem sie im Obertoggenburger Schneegestöber mit fröhlichem Tamtam begonnen hatte. Jetzt könnten die beiden ihrer Wege gehen. Doch sie tun es nicht. Sie bleiben für die nächsten sieben, acht Jahre verbunden. Sie haben das gemeinsame Sorgerecht für ihre drei Kinder beantragt, zwei Buben und ein Mädchen, und damit signalisiert, dass der Bruch ihres Bündnisses nicht das Ende der Familie bedeutet. Und der Richter hat ihnen dieses Recht zugesprochen.
Bis der Jüngste volljährig ist, werden sich Denise und Gion nun immer wieder zusammensetzen und die wichtigen Dinge ihrer Kinder gemeinsam regeln. Soll der Älteste weiterhin ins Eishockey-Training gehen? Wie viele Stunden pro Woche darf er am Computer sitzen? Wie viel Sackgeld bekommt die Tochter? Obwohl das vernünftig und verallgemeinerbar aussieht – die Kohlers sind doch ein Sonderfall. Das gemeinsame Sorgerecht erhält hierzulande nur jedes vierte Scheidungspaar. In der Mehrheit der übrigen Fälle wird der Mutter das alleinige Sorgerecht für die Kinder zugesprochen. Das derzeit gültige Scheidungsrecht schreibt dies vor: Der Richter überträgt das Sorgerecht einem Elternteil, in der Regel der Mutter, bei der die Kinder meistens auch wohnen. Nur wenn sich beide, Mutter und Vater, vor der Scheidung einigen und die «gemeinsame elterliche Sorge», wie sie im Juristendeutsch genannt wird, förmlich beantragen, kann der Richter von dieser Regel abweichen. Es braucht mit anderen Worten immer die Einwilligung der Mutter in die gemeinsame Sorge. Die Mütter haben damit einen Trumpf in der Hand: Wenn sie nicht wollen, haben die Väter nach der Scheidung bezüglich Kindererziehung nichts mehr zu sagen.

Ist das gerecht? Die Frage beschäftigt die Juristen seit einem guten Jahrzehnt. Es war Ende der Neunzigerjahre, in einer Anwaltskanzlei in Schwyz, als zwei junge Anwälte aufeinander einredeten, mal ruhig, bald fiebrig, wochenlang. Damals wurde im eidgenössischen Parlament gerade das Scheidungsrecht überarbeitet, zentraler Punkt war die Frage, ob die gemeinsame elterliche Sorge möglich sein soll. Der eine Anwalt fand: Wenn die Eltern auseinandergehen, sind Streitereien über die Erziehung der Kinder absehbar. Der Zank geht immer weiter, weshalb es nötig ist, ein für alle Mal zu wissen, wer das Sagen hat. Es muss Ruhe einkehren! Der andere Anwalt hielt dagegen, das Ende einer Partnerschaft habe mit der Elternschaft nichts zu tun. «Man ist Mutter und Vater, egal, ob man sich liebt oder streitet. Es ist ein Job, den man 20 Jahre lang hat.» Er war ein Idealist, dieser Anwalt, und er sagte damals zu seinem eher nüchtern veranlagten Büropartner: «Väter und Mütter haben die Pflicht, als erwachsene Männer und Frauen sich im Interesse der Kinder aus ihren Schmerzen, ihrer Wut und aus dem ganzen Hass herauszuarbeiten. Sie müssen sich verständigen, sonst machen sie sich schuldig an den Kindern. Kinder haben das Recht auf eine gute Kindheit.» Er fand, das müsste eigentlich im Gesetz stehen.

Geschlechterkrieg
Der Anwalt heisst Reto Wehrli. Er ist 43 Jahre alt, katholisch, Vater eines Sohnes. Jahre nach dieser Diskussion mit seinem Büropartner wurde er für die CVP in den Nationalrat gewählt, das war 2003. «Da sagte ich mir: So, jetzt hast du die Gelegenheit.» Er reichte ein Postulat ein mit dem Titel «Elterliche Sorge – Gleichberechtigung», in dem er den Bundesrat auffordert, «zu prüfen, wie die gemeinsame elterliche Sorge bei nicht oder nicht mehr miteinander verheirateten Eltern gefördert und ob die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall verwirklicht werden kann». Bundesrat Blocher, in dessen Zuständigkeit die Sache fiel, empfahl dem Parlament, den Vorstoss anzunehmen. Als es dann am 7. Oktober 2005 im Nationalrat zur Debatte kam, wurde rasch klar, worauf es hinauslaufen würde – auf einen Geschlechterkrieg.

Jacqueline Fehr, Anita Thanei, Ruth-Gaby Vermot, altgediente Sozialdemokratinnen, sagten Sätze wie: «Ich habe mich bei geschiedenen Frauen umgehört, hier im Saal, draussen im Leben. Das Bild ist ziemlich einheitlich. ‹Wieso denn eine Scheidung, wenn es nachher gleich weitergeht wie vorher?›, sagen diese Frauen. ‹Damit wäre doch der Streit nur weitergegangen. Ich hätte mich mit allen Mitteln dagegen gewehrt› – das ist der Tenor. Wer glaubt, dass die Frauen das gemeinsame Sorgerecht einfach so akzeptieren würden, täuscht sich.» Und: «Es sind meistens die Frauen, die Teilzeit arbeiten; es sind die Frauen, die mit den Kindern zum Zahnarzt gehen, es sind die Frauen, die die Kinder in den Kindergarten und in die Schule bringen. All diese Männer, die jetzt auf einmal mitsprechen wollen, wollen nicht mittätig sein, sie wollen eben nur mitsprechen.» Und: «Hinter dem Postulat stehen militante Männerorganisationen. Sie kämpfen um Macht über die Kinder und über die Frauen.»
Das feministische Gelände war markiert.

Auf der anderen Seite mischten sich SVP-Politiker wie Caspar Baader oder Oskar Freysinger in den Kampf. «Frau Fehr, Sie kämpfen ja immer für die Gleichbehandlung der Geschlechter. Finden Sie es tatsächlich richtig, dass bei der heutigen Regelung das Sorgerecht nur dem einen oder dem anderen Elternteil zusteht? Entspricht das Ihren Vorstellungen von Gleichberechtigung?»

Entlastung
Am anderen Tag schrieben die Zeitungen, die Debatte über das Scheidungsrecht habe einer Verhandlung vor dem Scheidungsrichter geglichen. Ein gefühlsbestimmter Schlagabtausch, Mann gegen Frau. Dabei hatte Chantal Galladé, die junge strebsame Zürcher Sozialdemokratin, der Sache einen neuen Drall gegeben. «Es fällt mir auf», hatte sie in den Saal gerufen, «dass dieser Vorstoss von vielen unterschrieben wurde, die der jüngeren Generation angehören. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir Jüngeren eher schon als Kinder von Scheidungseltern aufgewachsen sind. Wir sind also quasi die Scheidungskindergeneration. Wir sind es, die in diesem Staat von dieser Regelung potenziell betroffen sein werden, weil wir kleine Kinder haben und dann vor diese Fragen gestellt werden. Deshalb möchte ich an Sie appellieren: Lassen Sie uns unsere Probleme doch auf unsere Art lösen. Wir haben einen anderen Ansatz, eine andere Vision, wie man hier als Paar oder als Eltern miteinander umgehen könnte. Lassen Sie es uns doch einfach mal probieren. Unterstützen Sie das Postulat!»

Das gemeinsame Sorgerecht. Gion Kohler räuspert sich. Es war damals, als sich die Trennung abzeichnete, ein Spaziergang auf die Lägern, bei dem er und Denise die Frage anpackten. Er sagte zu ihr: «Behalten wir wenigstens das gemeinsame Sorgerecht?» Für sie war das keine Frage, sie erinnert sich nur vage an den Spaziergang und das Gespräch. «Ich hatte gehofft, dass wir die gemeinsame Sorge haben würden», sagt sie. «Die Kinder haben das Recht, eine Beziehung zum Vater zu haben. Gerade für die Buben ist das wichtig.»

Wie hehr das klingt. Viel zu edelmütig, wenn man Gion Kohler fragt. «Jajaja», brummt er. «Du darfst jetzt schon zugeben, dass es für dich Vorteile bringt. Es ist eine Entlastung. Du hast viel mehr Freiheit.»
Sie nickt. «Es ist eine Entlastung, ganz klar.»

Recht zahm sitzen die geschiedenen Eheleute da am Stubentisch, aber das war nicht immer so. Sie haben zweieinhalb Jahre zähes Ringen hinter sich, zuerst die Eltern- und Trennungsvereinbarung, dann die Scheidungskonvention, und sie haben rund 9000 Franken ausgegeben für die Sitzungen mit ihrem Anwalt und Mediator. «Ohne den hätten wir die Kurve nicht gekriegt», sagen sie beide. Die Kohlers haben, wie sie sagen, ihre Fähigkeit, die Paarprobleme von der Kinderfrage zu trennen, «dank der Mediation» ausgeschöpft. «Zum Glück haben wir es ohne Kampf um das Sorgerecht geschafft.»
Verletzungen sind geblieben, klar. Enttäuschungen. Anfangs wollte Gion «den Spiess umdrehen». Er sagte zu seiner Frau, sie habe zehn Jahre lang den Kindern geschaut, jetzt sei er dran. Jetzt solle sie arbeiten und das Geld verdienen und er betreue während den nächsten zehn Jahren die Kinder.
«Da habe ich gesagt: Aber hallo!»

Ein Guru werden
Denise arbeitet in einem Gastrobetrieb, es ist eine 40-Prozent-Stelle, sie hat unregelmässig Dienst. Mal tagsüber, mal abends. Ab und zu am Wochenende. Er ist gelernter Schreiner, inzwischen gibt er Weiterbildungskurse, coacht KMU-Chefs, und zusammen verdienen sie brutto 120 000 Franken im Jahr. Die Kohlers sind also eine Mittelstandfamilie, wie es sie zu Tausenden gibt in der Schweiz. Nicht arm, aber jeder Franken zählt. In ihrem Kühlschrank stehen M-Budget-Produkte.

Vor der Trennung war sie ganz Hausfrau und Mutter. Und jetzt das: «den Spiess umdrehen»? Auf ihrem Gesicht erscheint ein Anflug von Ärger. «Die ersten zehn Jahre waren Knochenarbeit. Ständig die Babys rumtragen, am Tisch drei Mäuler löffeln oder etwas zerschneiden, oft kam ich zum ersten Bissen, wenn alles schon kalt war. Und die Nächte! In den ersten Jahren habe ich keine Nacht durchgeschlafen.» Sie macht eine Kunstpause und dann eine Handbewegung in die leere Stube. Und heute? Die Tochter ist beim Schlittschuhlaufen, der Älteste bei seiner Freundin; Sven sitzt oben am Computer. «Die Kinderbetreuung ist heute doch etwas ganz anderes.»

Den Spiess umdrehen: Manch eine Mutter würde sich das wünschen. Warum hat es Denise ausgeschlagen?
«Ich habe Nein gesagt», sagt sie trotzig.
«Den Spiess umdrehen, das wäre nur fair gewesen», wiederholt Gion, und seine Stimme klingt bedrückt. Er redet bedacht (während Denise impulsiv ist und oft unvermittelt laut wird), er sagt es noch einmal, ja, doch, er hätte das gerne gemacht. «Aber ich habe eingesehen, dass du, Denise, dazu nicht Hand bietest, und ich habe mich gezwungen gesehen, im Sinne einer für alle guten Lösung nachzugeben.»

Denise streckt ihren drahtig-athletischen Körper mit einem Ruck durch. «Hey. Hundert Prozent im Service arbeiten ist extrem anstrengend. Der Level ist hoch, da wäre ich innerhalb eines Jahres ausgebrannt gewesen. Ich würde es schlicht nicht schaffen. Und was ich als meinen Hauptjob will, das sind meine Kinder. Ja. Darum habe ich in der Mediation auf den Tisch geklopft und gesagt: So nicht! Ich habe gesagt: Ich unterstütze das nicht, dass du daheim herumsitzt und dich selber verwirklichst und ein Guru wirst.» Gion habe so Ideen gehabt, erklärt sie, ein bisschen Haushalt und daneben «so gurumässig öppis» zu machen, «und ich müsste mich abkrüppeln».
Gion: «Du hast nicht gecheckt, dass ich mich in den vergangenen zehn Jahren genauso abgekrüppelt habe.»

Und so funktionieren sie heute, die Kohlers: Die Mutter betreut die Kinder im «Nest» von Montag bis Donnerstag, am Donnerstagabend essen sie gemeinsam Znacht, dann übernimmt der Vater – und zwar jedes zweite Wochenende bis am Montagmorgen. An den anderen Wochenenden quittiert Gion am Freitag den Familiendienst und zieht sich in seine Einzimmerwohnung zurück. Einmal pro Woche, wenn die Mutter im Hotel Schicht hat, übernimmt er einen zusätzlichen Tag.
«Die absolute Gerechtigkeit gibt es nicht», sagt Gion. «Aber klar, wenn einen die Gefühle überfluten, Ärger und Hass und was auch immer, dann ist man blockiert.»

Gerechtigkeit sei wichtig, meint Denise, man dürfe gefühlsmässig nicht den Eindruck haben, man komme zu kurz. «Das war uns während des ganzen Prozesses mit dem Mediator gar nicht bewusst. Aber rückblickend war das wohl der Grundgedanke, der hinter allem steckte. Mit Blick auf die ungefähre Ausgewogenheit hat der Mediator uns sanft gelenkt, wenn nötig auch mal mit einer provokativen Bemerkung.»

Den Umgang mit den Kindern haben die Kohlers genau geregelt. Sie wussten um das Risiko des Scheiterns. «Wahrscheinlich findet man in der Schweiz niemanden mit einer so ausführlichen Scheidungsübereinkunft.» Normalerweise raten Anwälte vom sogenannten Nestmodell ab, häufig bricht es tatsächlich nach zwei, drei Jahren auseinander. Meistens dann, wenn neue Partner ins Spiel kommen. Da findet dann einer ein Haar in der Dusche und hat sofort eine Fantasie. Bei Kohlers hiess es darum in der Vereinbarung: «Neue Partner nehmen nicht am Nest teil.» Später strichen sie diesen Passus wieder, dazu wurden die Kinder befragt, der Mediator konsultiert. Und das Haus wurde umgebaut. Jeder Elternteil hat nun ein eigenes Schlafzimmer mit Dusche. Und wenn einer am Wochenende Besuch des neuen Partners hat, muss danach das WC «grob gereinigt» werden – so stehts in der Vereinbarung.

Empörung, Wut
Viele Juristen und Psychologen sehen heute in der schwächeren Rechtsposition der Väter eine Diskriminierung des Mannes zugunsten eines Müttermonopols. Dass Väter nach jahrelangem Familienleben bei einer Scheidung ohne Rücksicht auf die Umstände vom Sorgerecht ausgeschlossen werden können, führt zu Empörung und Wut. Seit ein paar Jahren sammelt sich dieser Zorn in Vätervereinigungen, von denen alle paar Monate ein neuer gegründet wird: «MANNzipation», «Väter ohne Sorgerecht», «Interessengemeinschaft geschiedener Väter» – hier treffen sich die Männer, deren Geschichten sich haarsträubend anhören, eine wie die andere.

Da ist der junge Vater, dessen Frau nach der Geburt des Kindes in eine Depression abrutscht, der eingesprungen ist und alles übernommen hat, das Baby, den Haushalt, der Aufmunterungsaktionen eingeleitet hat gegen den mütterlichen Babyblues, wochenlang, und dann, irgendwann, wieder ins Büro muss. Die Beziehung geht in die Brüche. Die Frau sagt zu ihm: Gemeinsames Sorgerecht? Das kannst du dir abschminken. Und dann steht der Mann vor dem Richter, und dieser sieht, dass der Mann 80 Prozent arbeitet. Der Fall ist für den Richter klar: Die Frau bekommt das Sorgerecht.

Da ist der Mann mittleren Alters, der ein Jahr lang mit seiner Frau verhandelt hat über die gemeinsame elterliche Sorge, schliesslich ist sie einverstanden. Aber dann widerruft sie plötzlich und scheinbar grundlos (sie hat erfahren, dass ihr Ex-Mann mit seiner neuen Freundin zusammenlebt).

Die Männer in diesen Vereinen wollen nur eines: die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall bei der Scheidung. Die Heilserwartung in ein neues Gesetz ist gewaltig, jeden Tag rufen Scheidungsväter im Bundesamt für Justiz an und fragen mit brennender Ungeduld nach dem Stand der Arbeiten, oder sie wollen wissen, ob das dann auch rückwirkend noch Anwendung findet. «Viele Männer haben jahrelange Streitereien hinter sich, fühlen sich von den Behörden übergangen, von der Ex-Frau hereingelegt, und vor dem Hintergrund dieses unendlichen Drehens um sich selbst wird das Sorgerecht zu einer Art Trophäe, die man sich an die Wand hängen will», erklärt Oliver Hunziker, 43, Präsident des nationalen Dachverbandes für gemeinsame Elternschaft.

All die verbitterten und desillusionierten (und oft auch selbstgerechten) Männer werden enttäuscht sein. Kein Gesetz kann sie erlösen. Denn ob man sich nach einer gescheiterten Ehe zusammenraufen und einvernehmlich für die Kinder sorgen kann, das hängt nur in beschränktem Mass vom gerade gültigen Recht ab. Es ist zuerst einmal eine Frage des Charakters und der psychischen Gesundheit.
Und doch scheint die Zeit reif, den Männern dieses kleine Recht mit dem grossen symbolischen Gehalt zuzugestehen und – ja, klar – dieses Stückchen Macht. Reto Wehrlis Postulat wurde im Nationalrat jedenfalls deutlich angenommen – mit 136 zu 44 Stimmen. Das Bundesamt für Justiz hat seither an einer Gesetzesvorlage gearbeitet, die im Dezember 2008 fertig geworden ist. Es schlägt darin das gemeinsame Sorgerecht als Regelfall vor, unabhängig vom Zivilstand. Es verlangt in anderen Worten von den Scheidungspaaren den grossen Spagat der Gefühle: Obwohl sie nichts mehr miteinander zu tun haben wollen, müssen sie sich regelmässig zusammen an einen Tisch setzen und die wichtigen Kinderfragen klären. Das Gesetz wirft die (ehemaligen) Paare also zurück auf die Elternschaft, genau wie Reto Wehrli das in seinem Postulat reklamiert hat. Eveline Widmer-Schlumpf, die Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, wird den Gesetzesentwurf in den nächsten Wochen dem Bundesrat vorlegen und dann in die Vernehmlassung schicken. In zwei oder drei Jahren könnte das Gesetz in Kraft sein.

Theoretisch. Denn politisch ist die Sache längst nicht entschieden. Ein unverbindliches Postulat ist das eine, ein Gesetz etwas anderes. Die Vorlage hat zwei Knackpunkte. Zum einen die Frage, was die gemeinsame elterliche Sorge alles beinhalten soll. Sicher das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Aber muss dann eine Mutter, wenn sie mit ihrem Kind von Zürich nach St. Gal-len ziehen will, erst das Einverständnis des Vaters einholen? Eigentlich schon. Aber was bedeutet das in einer Zeit, in der die Flexibilität der Arbeitnehmer eine so grosse Bedeutung bekommen hat? Was bedeutet das vor dem Hintergrund, dass heute mehr als die Hälfte aller Ehen binational sind?

Aufruhr verursachen wird zum andern der Umstand, dass künftig nicht nur Geschiedene automatisch das gemeinsame Sorgerecht bekommen sollen, sondern auch die Unverheirateten – also Eltern im Konkubinat. Manch ein Politiker wird das als Angriff auf die Institution Ehe deuten, manch einer wird die Frage stellen: Warum soll man dann noch heiraten?

Langsam setzt sich der Gedanke im öffentlichen Bewusstsein fest, dass wir in der Schweiz vor einem emotional folgenreichen Moduswechsel stehen. Reto Wehrli, der Schwyzer Nationalrat, reist schon seit einem Jahr durchs Land, von Podiumsdiskussion zu Themenabend, mal bei den FDP-Frauen Luzern, mal beim Studentenverein in Zürich. Er redet in Fernsehtalks, und meist sitzt an seiner Seite eine Frau, die auffällt, weil sie nicht wie die anderen entlang der Geschlechterlinie argumentiert. Sie heisst Liselotte Staub, ist Psychotherapeutin und Autorin eines an den Gerichten oft konsultierten Leitfadens – «Scheidung und Kindeswohl».

Liselotte Staub sagt, mit der gemeinsamen elterlichen Sorge als Regelfall würden die Probleme einer Scheidung nicht gelöst, aber die Ehepaare würden aus der heutigen Kriegslogik befreit. Und sie erzählt zur Illustration die Scheidungsgeschichte eines Lehrers, die sie für typisch hält. Dieser Lehrer hat voll gearbeitet und gleichzeitig in seiner Freizeit viel mit den Kindern unternommen. Er möchte das gemeinsame Sorgerecht, die Frau nicht. Vor dem Richter sagt er, er würde das Pensum reduzieren, er legt einen Betreuungsplan vor; der Richter meint, wenn die Frau nicht wolle, hätten sie ja ständig Konflikte und das sei für die Kinder nicht gut. An diesem Punkt ändert der Anwalt des Lehrers die Strategie. Er sagt zu ihm: «Wir müssen auf tutti gehen. Jetzt müssen wir Vollgas geben. Sie müssen für das alleinige Sorgerecht kämpfen, und da muss der ganze Schmutz auf den Tisch.» Vor Gericht wird nun um die Kinder gestritten, es ist letztlich der Kampf um die Frage, wer der bessere Elternteil ist. «Dieser Kampf ist nie und nimmer im Interesse des Kindes», sagt Staub.

Dass heute an den Gerichten die Frage nach dem kompetenteren Elternteil gestellt wird, ist für die Psychologin nicht zuletzt ein Erbe des im Jahr 2000 überarbeiteten Scheidungsrechts. Damals hat man sich vom Verschuldensprinzip abgewendet. «Die Ausklammerung der Schuldfrage hat eine neue Kampfzone aufgetan, nach dem Motto: Wenn nicht mehr geklärt wird, wer für das Scheitern der Ehe verantwortlich ist, muss wenigstens entschieden werden, wer der bessere Elternteil ist.» Stark verkürzt, lautet die innere Logik: Wenn jemand auf der Suche nach dem Grund des Scheiterns alleingelassen wird und kein Richterspruch Klarheit schafft, sucht er auf anderem Weg den Ausgleich.

Es ist Nie zu spät
So wie manche Mütter selbstgefällig alles immer besser wissen, sind viele Väter unzuverlässig. Die Unzuverlässigkeit der Väter ist statistisch erhärtet. Liselotte Staub nennt es «die traurige Re-alität». Tatsächlich sagen viele Frauen: Er hat sich vorher auch nicht gekümmert, was will er jetzt das gemeinsame Sorgerecht! Jetzt plötzlich kann er sich um die Kinder kümmern, das ist doch himmelschreiend ungerecht. Er hat mich jahrelang allein wursteln lassen, und jetzt ist er plötzlich der liebe Papi. «Das ist natürlich ein Schlag ins Gesicht der Frau. Es ist die totale Beleidigung», sagt Liselotte Staub. «Aber aus Sicht des Kindes: super!» Es sei nie zu spät, Vater zu werden.

Und dann erzählt sie die Geschichte eines Vaters, der sich sechs Jahre lang nicht mit dem Sohn befasst hat, dessen Ehe letztlich daran gescheitert ist. Dieser Vater, ein Workaholic, verbringt jetzt jedes zweite Wochenende mit dem Sohn, er geht mit ihm ins Museum, macht Hausaufgaben, kurz: Er kümmert sich. Und die Frau? Die findet das überhaupt nicht lustig, sie hätte das all die Jahre gewollt. «Für das Kind aber ist es super, weil es nun die Beziehung zu seinem Vater auch leben kann. Das ist die beste Prävention gegen diese gewaltige Vatersehnsucht, die man bei vielen Kindern feststellt.»

Viele Väter entfremden sich nach der Scheidung von ihren Kindern. Sie ziehen sich zurück, weil sie kein Sorgerecht haben und als Folge davon das Gefühl dominiert, als Elternteil an Bedeutung verloren zu haben. Sie erleben es als Machtverlust, es produziert Hilflosigkeit. Mit der gemeinsamen elterlichen Sorge als Regelfall stünde aber niemand mehr als Verlierer da. Mann und Frau könnten sich auf Augenhöhe begegnen. Das, meint Liselotte Staub, habe im Ansatz etwas Befriedendes. Zudem sei es eine gute Voraussetzung für die Mediation, falls der Zwist wieder aufflackert. In den allermeisten Familien beruhigen sich die Querelen mit der Zeit, selbst wenn die Trennungsphase turbulent war. «Die gemeinsame Sorge ist auch bei Eltern mit hohem Konfliktpotenzial lebbar», sagt Staub.
Draussen, vor dem «Nest», versinken die Birken in der abendlichen Schummrigkeit. Irgendwann an diesem Mittwochnachmittag hat sich der zehnjährige Sven von seinem Computer-Game gelöst und zu den Eltern an den Stubentisch gesetzt. Mit einer Mischung aus Gleichmut und Neugier hat er zugehört, einmal sagt er, er wisse eigentlich gar nicht, warum sich die Eltern hätten scheiden lassen.
«Hast du die Eltern schon mal gefragt?»
«Nein.»
Einen Moment ist es totenstill.
Dann sagt die Mutter, die ihren Kopf aufgestützt hat, zum Sohn: «Gehst du jetzt Kerzen ziehen?»
«Ja.»
«Brauchst du noch zwei Franken für den Docht?»
«Nein, Docht habe ich. Aber ich hätte die zwei Franken trotzdem gerne.»
«Wofür?»
«Einfach so. Zum öppis chaufe.»

Die Frage, warum sich Denise und Gion Kohler haben scheiden lassen, bringt sie nicht in Verlegenheit. Nicht im Geringsten. Sie haben Buch geführt, gründlich, ein Ordner mit der Aufschrift «Partnerschaft» zeugt von den ungezählten Diskussionen in den letzten acht Jahren. «Eine Art Eheplanung war das, Beziehungsarbeit. Unser ewiges Thema war die Nähe», sagt Denise. Und zu Gion: «Gell? Du hattest das Gefühl, ich wollte zu wenig Nähe. Dass es dann in der Sexualität auch nicht grad so läuft, liegt auf der Hand. Wir haben geredet und geredet und das alles aufgeschrieben, wir haben die Beziehung manchmal fast zerredet, so viel haben wir geredet.»
Gion: «Ich habe mir gewünscht, dass du deine Gefühle mehr zeigst. Eigentlich das, was sonst die Frauen von den Männern verlangen. Dabei bin ich auf Granit gestossen. Oder müsste ich sagen: auf Eis?»
Denise: «In diesem Punkt gab es keine Lösung. Wir hatten beide eine Not, und die vielen Blätter, die wir vollgeschrieben haben, waren Ausdruck davon. Wir sind beide logische, klar strukturierte Menschen, und wir haben vielleicht versucht, so aus der Endlosschleife herauszufinden.» Den Ordner hat Denise im letzten Oktober entsorgt, und Gion, der das jetzt erfährt, wundert sich. Wie konntest du! Dann reden sie über dies und das, über seine Erkrankung und die damit verbundenen Ängste, und einmal sagt er: «Ich weiss nicht, wann es anfing, dass du dich dafür interessiert hast, dir auswärts einen anderen Freund zu holen.»
Ein heller Aufschrei ihrerseits. «Nur schon diese Formu-lierung!»
Das Telefon klingelt. Gion nimmt ab. Er sagt: «Doch, doch, die wohnt auch da.» Er gibt seiner Frau, die jetzt seine Ex-Frau ist, den Hörer und sagt: «Wegen dem Kleid.» Sicher, sagt Denise in den Hörer, sie komme es abholen, heute, noch vor halb sechs. Als sie auflegt, kann sich Gion den Kommentar nicht verkneifen. «So, kaufst du ein schönes Kleid?»
Denise Kohler stöhnt und schlägt in einer theatralischen Geste die Hände über dem Kopf zusammen. «Man kann auch nichts geheim halten in diesem Haushalt! Da ist man geschieden, aber der andere weiss immer noch alles!» Dann explodiert sie in ein Gelächter, und er lacht leise mit.

Freitag, 2. Januar 2009

Baby-Tagebuch: It's a girl!

Juhu, wir kriegen eine Tochter. Wie in amerikanischen Filmen: Erst einen männlichen Erben, dann die kleine Prinzessin. Jetzt fehlt nur noch das Haus in der Vorstadt und der Golden Retriever im Garten.


Ehrlich gesagt habe ich schon aufgejuchzt, als mir mein Arzt bestätigte, es sei ein Mädchen. Nach viereinhalb Jahren „Buebe-Gejohle“, Pistolen, Ritter, Piraten und Kleider, die gerade mal von marineblau bis olivgrün reichen, freue ich mich auf etwas Abwechslung.

Ich frage mich sogar langsam, ob ich zu einer dieser pink-lastigen Mütter mutieren werde. Denn wenn ich eine Farbe bis anhin nicht ausstehen konnte, war es pink. Und dennoch: Beim Shoppen sticht mir täglich eben diese Färbung, von blassrosa bis glitzer-fuchsia, ins Auge. Und sie fängt an, mir zu gefallen!

Und wie steht es mit Spängeli? Als Buebe-Mami dachte ich oft „die armen Mädchen, die diese Tortur über sich ergehen lassen müssen...“. Aber ist es nicht einfach zuckersüss, seiner eigenen Tochter eine richtig hübsche Frisur zu verpassen mit diesen glitzernden Haargümmeli, ebenfalls in Pink?

Auf jeden Fall freue ich mich darüber, dass mein Sohn eine Schwester kriegt, das hat er sich nämlich so gewünscht. Und begrüsst sie jetzt schon jeden Morgen mit einem „Hallo Schwöschterli!“ und einem Kuss auf Mammas Bauch. Ein Bild für’s Kinderzimmer hat er ihr auch schon gemalt. Hoffentlich steht sie auf pink!

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