Montag, 29. März 2010

Wie Mama eine Frau bleiben kann

Französinnen stillen weniger, kriegen mehr Kinder und kommen beruflich weiter als andere Europäerinnen. Warum das so ist, erklärt die Pariser Feministin Elisabeth Badinter.
Von Daniel Binswanger für Das Magazin

«Es ist ein Skandal, dass heute moralischer Druck ausgeübt wird auf junge Mütter», sagt Elisabeth Badinter und nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. «Ob eine Frau ihr Kind stillen will oder nicht, ist eine persönliche, intime Entscheidung. Dass sich da die öffentliche Gesundheitspolitik zwischen Mutter und Kind drängt, ist inakzeptabel. Man hat zu einem Trick gegriffen, der so alt ist wie die Menschheit und der jetzt wieder eine fatale Aktualität bekommt: Frauen werden terrorisiert, indem man sie dazu bringt, sich schuldig zu fühlen. Du willst dein Kind nicht stillen? Dann bist du eine schlechte Mutter!»

Seit Elisabeth Badinter vor gut einem Monat ihr neues Buch «Der Konflikt: Frau und Mutter» veröffentlichte, hat sie zahllose Interviews gegeben. In ihrem Pamphlet wehrt sich die Feministin gegen eine neue Tendenz, die Mutterschaft zu sakralisieren, das heisst, den «natürlichen Mutterinstinkt» als die Essenz der weiblichen Identität zu betrachten und die Pflichten einer guten Mutter konservativ zu definieren. Badinter sieht eine unheilige Allianz zwischen der Ökologie-Bewegung, den dominierenden Denkrichtungen des heutigen Feminismus und einer neokonservativen Gesellschaftspolitik. Ihr Buch, das schon in der ersten Woche zum Bestseller wurde, hat in Frankreich hohe Wogen geschlagen. «Ich habe schon vermutet, dass es geharnischte Reaktionen geben würde», sagt Badinter ungerührt. «Die Schärfe der persönlichen Anfeindungen, denen ich jetzt ausgesetzt bin, überrascht mich aber trotzdem ein wenig.»

Die 65-jährige ist seit langen Jahren eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Frankreich. Sie entstammt nicht nur der sehr reichen Pariser Bourgeoisie — ihr Vater war der Gründer des internationalen, auch in der Schweiz präsenten Marketing-Konzerns Publicis, sie selbst ist nach wie vor dessen Hauptaktionärin —, sondern sie ist auch mit Robert Badinter verheiratet, dem ehemaligen sozialistischen Justizminister, der unter François Mitterrand die Todesstrafe abgeschafft hat und weit über die Parteiengrenzen hinaus hohe moralische Autorität geniesst.

Zuallererst aber ist die dreifache Mutter eine bedeutende Intellektuelle: Als Philosophieprofessorin verfasste sie einflussreiche Studien über die Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts und griff auch immer wieder pointiert in die Debatten um den heutigen Feminismus in Frankreich ein. Sie strahlt jedoch nichts aus von der Arroganz, die den französischen Macht- und Geldeliten so gerne anhaftet. Die elegante, ältere Dame mit den wasserblauen Augen ist ein klarer, kartesianischer Kopf.

«Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich glaube, dass sich das Mutterbild in eine falsche Richtung entwickelt», sagt Badinter. «Ich wollte mich zu Wort melden, bevor es zu spät ist. Auslöser war für mich eine Gesetzesänderung, die der Gesundheitsminister Bernard Kouchner im Jahr 1998 veranlasst hat. Auf Druck der Weltgesundheitsorganisation wurde in Brüssel beschlossen, dass alle EU-Staaten eine Politik umsetzen sollen, welche die Frauen dazu anhält, ihren Neugeborenen die Brust zu geben. Auch in Frankreich wurde die Erhöhung der Stillquote zur politischen Doktrin erhoben. Kouchner veranlasste, dass Frauen, die in der Geburtsklinik ihre Kinder nicht stillen, keinen Anspruch mehr auf Milchpulver haben. Heute muss eine Frau, die in der Klinik nicht stillen kann oder nicht stillen will, für das Milchpulver bezahlen. Ich fand diesen Beschluss so skandalös, dass ich mir vornahm, die Angelegenheit genauer zu verfolgen.»

Badinter ist überzeugt, dass die Neubewertung des Stillens veranschaulicht, wie sich das Frauenbild verschoben hat. Propagiert wird das Stillen unter anderem von der amerikanischen Leche League, die heute in über siebzig Ländern, darunter auch in der Schweiz, präsent ist. Diese will Frauen von den Segnungen der Muttermilch überzeugen. Badinter vermutet dahinter jedoch eine ganze Koalition konservativer Kräfte: Für sie passt die neue Präferenz für das Stillen zu einem ökologischen Bewusstsein, das technischem Fortschritt skeptisch gegenübersteht. Denn was — so die Argumentation der Still-Befürworter — könnte natürlicher sein als Muttermilch? Ist es nicht verdächtig, ein Neugeborenes mit künstlicher Nahrung zu traktieren, welche auch noch von internationalen Nahrungsmittelkonzernen hergestellt und vertrieben wird? Der Zeitgeist ist schnell bereit, diese Frage mit Ja zu beantworten.

Alles Rabenmütter?
Badinter hält dagegen, dass es keine empirischen Beweise dafür gebe, dass das Stillen der Gesundheit eines Kleinkindes in signifikantem Masse zugutekomme. Im Gegenteil: Sie zitiert mehrere Studien, die keine Korrelation zwischen Entwicklungsfähigkeit des Kindes und Stillzeit feststellen können. Die aufwendigste Untersuchung, sagt die Feministin, sei erst nach der Drucklegung ihres Buches veröffentlicht worden. Sie wurde vom kanadischen Kinderarzt Michael Kramer durchgeführt, der die Entwicklung von 16 000 Kleinkindern in Weissrussland untersuchte.

Kramer kommt zum Ergebnis, dass es keinen statistischen Zusammenhang zwischen Muttermilch und Schutz vor Allergien und Asthma gebe — eine häufige Behauptung. Allerdings stellte Kramer einen schwachen, aber statistisch bedeutenden Einfluss auf den IQ der Kinder fest — er ist deshalb weiterhin vom Nutzen des Stillens überzeugt.

«Es bestreitet doch auch niemand, dass Stillen eine wunderbare Sache ist», sagt Badinter. «Man weiss, dass die Milch den Bedürfnissen des Babys angepasst ist und dass das Stillen Hormone erzeugt, die es der Mutter leichter machen können, zum Kind eine enge Bindung aufzubauen. Wenn eine Frau sich beim Stillen glücklich und erfüllt fühlt: grossartig. Ich sage nur, dass es sehr wohl möglich ist, sein Kind zu lieben, ohne ihm die Brust zu geben. In den Siebzigerjahren hat nur eine kleine Minderheit von Frauen gestillt — trotzdem glaube ich nicht, dass damals eine ganze Generation aus Rabenmüttern bestand. Die menschliche Psyche ist ein klein wenig komplizierter als die Biologie des Säugetiers.»

Die Reduktion der Weiblichkeit auf den animalischen Mutterinstinkt ist Badinter in mehrfacher Hinsicht ein Dorn im Auge: zum einen, weil sie den Menschen nicht allein als Naturwesen, sondern zugleich als Produkt eines komplexen zivilisatorischen Prozesses betrachten möchte. Zum anderen, weil sie der Überzeugung ist, dass ein fehlgeleiteter Feminismus zur heutigen Überbewertung des «Mutterinstinktes» geführt hat.

Sich selbst zählt Badinter zur Generation der «egalitaristischen» Feministinnen, die für Gleichheit zwischen Mann und Frau, für gleiche Rechte beider Geschlechter in Familie, Politik und Beruf gekämpft haben. Badinter bestreitet selbstverständlich nicht die biologische Geschlechterdifferenz, aber sie findet es unzulässig, diese als Rechtfertigung für eine ungleiche Stellung der Geschlechter in der Gesellschaft heranzuziehen. Zudem ist sie von der freudschen Theorie der bisexuellen Konstitution der menschlichen Psyche überzeugt. Biologisch sind die Geschlechter natürlich verschieden; psychologisch sind sie sich nach Freud aber näher, als wir glauben.

Der heute dominante Feminismus ist jedoch nicht «egalitaristisch» ausgerichtet, sondern «differenzialistisch». Sein Kerngedanke ist nicht die Gleichheit der Geschlechter, sondern ihre Verschiedenheit. Er kämpft nicht in erster Linie für die Gleichberechtigung der Frauen, sondern für die Anerkennung ihres Andersseins. Er geht davon aus, dass Weiblichkeit sich grundlegend von Männlichkeit unterscheidet und dass es das primäre Anliegen des Feminismus sein muss, den unterdrückten weiblichen Tugenden zu gesellschaftlicher Anerkennung zu verhelfen. Damit verschiebt sich der Fokus des Feminismus. Er bemüht sich weniger um gleiche Rechte als um das Recht auf Ungleichheit. Den als männlich betrachteten Eigenschaften wie etwa Aggressivität stellt er weibliche Eigenschaften wie zum Beispiel Fürsorglichkeit gegenüber. Dass dieser Feminismus dem Mutterinstinkt eine grosse Wichtigkeit zuschreibt, liegt auf der Hand. Bekanntlich ist die Fähigkeit zur Mutterschaft der entscheidende biologische Unterschied zwischen Männern und Frauen.

«Der Feminismus spricht heute nicht mehr mit einer Stimme», sagt Badinter, «deshalb hat er seinen Einfluss eingebüsst. Auf der einen Seite stehen wir Feministinnen der ersten Generation, die für einen Feminismus à la Simone de Beauvoir, für Gleichheit, kämpften. Und auf der anderen Seite steht der Differenz-Feminismus. Das Einzige, worüber wir alle uns einig sind, ist, dass man Frauen beschützen muss, wenn sie zu Opfern werden. Deshalb existiert der politische Feminismus heute nur noch als Opfer-Diskurs. Das ist ja gut und recht, aber von einer selbstbewussten Forderung nach Gleichberechtigung haben wir uns damit meilenweit entfernt.»

In einem Essay aus dem Jahr 2004 hat Badinter diese in ihren Augen fatale Entwicklung bereits beklagt. Sie ist sicher, dass der Differenz-Feminismus, also der Kampf für die Anerkennung der wesentlichen Andersheit von Frauen, letztlich der Gleichberechtigung abträglich sei.

Klar ist, dass die aktuelle Wertschätzung der Muttermilch nur schwer mit der Berufstätigkeit von Frauen zu verbinden ist. In den meisten Fällen ist es schwierig für eine Mutter, ins Berufsleben zurückzukehren, solange sie noch stillt. Auch die Betreuung des Säuglings durch den Vater ist während der Stillzeit nur begrenzt möglich. Die Wiederentdeckung des Mutterinstinktes fördert damit die berufliche

Gleichberechtigung nicht gerade. Denn propagiert wird das Stillen über mindestens sechs Monate. In der Regel ist deshalb nur, wer langen Mutterschaftsurlaub nehmen kann, auch in der Lage, seinen Säugling lange zu stillen — oder aber die Mütter steigen gleich ganz aus ihrem Beruf aus.

In diesem Zusammenhang präsentiert Badinter erstaunliches statistisches Material. Frankreich ist nämlich in dreierlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Es hat erstens eine beneidenswert hohe Geburtenrate. 2008 lag sie bei 2,07 Kindern pro Frau, der höchste Wert in der ganzen EU. Selbst wenn man die leichte Erhöhung der Geburtenrate bei ausländischen Zuwanderinnen herausrechnet, ändert sich das Bild nur unwesentlich. Zweitens hat Frankreich die bei Weitem tiefste Stillquote der Welt. Nur gerade fünfzig Prozent aller Frauen beginnen mit dem Stillen unmittelbar nach der Geburt. Nach drei Monaten geben nicht mal mehr zwanzig Prozent der Frauen die Brust. Zwar ist unter dem Druck der Gesundheitspolitik und der Leche League diese Quote in den letzten Jahren stark angestiegen, aber sie bleibt absoluter Tiefenrekord im europäischen Quervergleich. In Skandinavien liegt die Quote praktisch bei hundert Prozent. Es gibt also in Frankreich ein bemerkenswertes Zusammengehen von

Reproduktionslust und Stillverweigerung. Die Französinnen haben ausreichend Mutterinstinkt, um sich zu vermehren. Aber sie greifen gerne zum Milchpulver.

Badinter vertritt die These, dass das eine das andere bedingt. Wenn die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Frauen Kinder haben können, ohne dafür eine allzu lange Babypause einlegen zu müssen, beziehungsweise einem anspruchsvollen Mutterschaftsideal gerecht zu werden, dann steigt ihre Bereitschaft, Kinder zu kriegen. Die dritte Eigenheit der französischen Statistik scheint diesen Befund zu bestätigen: Frankreich hat den höchsten Prozentsatz von Müttern mit einer Vollzeitstelle.

An erster Stelle Frau, nicht Mutter
«Unser Land zeichnet sich aus durch eine hohe Akzeptanz der Berufstätigkeit von Frauen mit Kindern», sagt Badinter, «niemand wird einer Frau einen Vorwurf machen, wenn sie nach vier, fünf Monaten Babypause ihr Kind ganztags in die Krippe gibt. Weder ihre Mutter noch ihre Schwiegermutter, noch ihr Mann. Hier besteht ein ganz massiver Unterschied zu Ländern wie Italien, Deutschland oder auch Japan, wo es viel weniger akzeptiert ist, dass eine Frau ein Kleinkind von einer anderen Person betreuen lässt. In diesen Ländern sind aber auch die Geburtenraten sehr tief.»

Auch die gute staatliche Betreuungsstruktur erhöht die französischen Geburtenraten. Fast noch wichtiger sind aber nach Ansicht Badinters die kulturellen Faktoren. «In Frankreich geht die Identität einer Frau, auch wenn sie Kinder hat, nicht in der Mutterrolle auf. Zunächst ist sie Frau, und erst an zweiter Stelle ist sie Mutter. Das hat eine lange Tradition.»

Bei der Erklärung des französischen Sonderfalles profitiert Badinter von ihrem geisteswissenschaftlichen Wissen. Vor knapp dreissig Jahren hat sie «Mutterliebe» veröffentlicht, eine Studie über die Mutterliebe im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts. «Meine historischen Kenntnisse haben meinen Blick auf die Gegenwart geschärft», meint die Autorin. «Die Debatten wiederholen sich.»

Im Frankreich des 17. Jahrhunderts herrschte ein Familienideal, das mit unseren Begriffen von Mutter- und Vaterschaft fast gar nichts zu tun hat. Es war in den Städten eine weit verbreitete Praxis, die Kinder einer Amme anzuvertrauen — nicht nur bei den oberen Ständen und dem vermögenden Bürgertum, sondern auch in den unteren Schichten, wo die Frauen ihre Kinder weggaben, um weiterhin einer Arbeit nachgehen zu können. Säuglinge wurden ein paar Tage nach der Geburt für mehrere Jahre ausser Haus gegeben. Die Kindersterblichkeit lag ohnehin hoch — und wurde durch die Fremdbetreuung noch weiter erhöht. Aus heutiger Sicht erscheint es schockierend, dass Frauen aus allen Schichten sich sofort nach der Geburt von ihren Säuglingen getrennt haben. Damals galt dies aber als vollkommen normal. Der Mutterinstinkt muss auch zu dieser Zeit existiert haben. Er trieb die Mütter aber nicht dazu, sich gegen die soziale Praxis aufzulehnen. «Die Geschichte hat mich gelehrt, dass unsere sogenannten Instinkte weniger von biologischen Gegebenheiten als von veränderbaren kulturellen Standards abhängen», erklärt Badinter.

Die grosse Wende kam in den Sechzigerjahren des 18. Jahrhunderts — und niemand hat mehr dazu beigetragen als Jean-Jacques Rousseau. Mit seinem Erziehungsroman «Émile» schrieb er den Bestseller seiner Epoche. Darin feierte er das Ideal einer neuen Weiblichkeit: die Frau, die sich ganz der Erziehung ihrer Kinder widmet, die alles für ein harmonisches Familienleben opfert und die sich dabei ganz auf ihre natürlichen Instinkte verlässt. Erst im 18. Jahrhundert wurde die auf Liebe basierende moderne Familie zum Zivilisationsmodell erhoben. Schon damals stand eine konkrete Frage im Zentrum aller Debatten: das Stillen.

Moralische Pflicht, zu stillen
Die moderne Mutterliebe sollte sich darin äussern, dass Mütter ihre Säuglinge selber stillten und dass auf den Brauch, die Kinder einer Amme anzuvertrauen, zukünftig verzichtet wurde. «In den Sechzigerjahren des 18. Jahrhunderts ist etwas geschehen, das sich mit der heutigen Entwicklung vergleichen lässt», sagt Badinter. «Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde das Stillen des eigenen Babys von einem gesellschaftlichen Tabu zu einer moralischen Pflicht. Am Ende dieser Entwicklung stand die bürgerliche Ehe des 19. Jahrhunderts, das heisst eine Institution, die den Frauen das Gegenteil von Befreiung brachte. Da darf man sich schon fragen, ob die aggressive Propagierung der Stillpflicht, die wir heute erleben, nicht von Neuem die Rechtlosigkeit der Frauen fördern wird.»

Und es gibt eine weitere Analogie zwischen dem 18. Jahrhundert und unserer heutigen Zeit: Die «natürliche» Mutterliebe wurde zwar durch die Aufklärungsphilosophie und den schwärmerischen Naturbegriff Rousseaus propagiert, aber schon zu einem früheren Zeitpunkt begannen sich die Medizin und die Bevölkerungsplanung für die Frage der Kleinkinderpflege zu interessieren. Verschiedene französische Ärzte wollten die Mütter zum Stillen bekehren, und zwar aus gutem Grund: Die Sterblichkeitsrate der Säuglinge sank bedeutend, wenn die Mütter sich selber um ihre Kinder kümmerten. Dies wiederum interessierte die Staatsorgane. In der Volkswirtschaftslehre des 18. Jahrhunderts setzte sich der Gedanke durch, dass der Reichtum einer Nation von ihrem Bevölkerungswachstum abhängt und dass eine sinkende Kindersterblichkeit deshalb im Interesse des französischen Staates ist. Die rousseausche Entdeckung der Mutterliebe passte somit perfekt zu den Forderungen einer modernen Bevölkerungspolitik.

Die heutige Situation ist natürlich ein andere: Aber auch in unserer Zeit geht die Neubewertung der Mutterschaft einher mit der steigenden wirtschaftlichen Beunruhigung über sinkende Geburtenzahlen und die Überalterung der Gesellschaft. Hinzu kommt, dass die Mutterschaft durch die gegenwärtige Wirtschaftskrise auch wieder an Attraktivität gewinnt. Für schlecht qualifizierte Frauen stellt sie eine Alternative zur Arbeitslosigkeit oder zu einem prekären Anstellungsverhältnis dar. Das Problem ist nur, dass Kinder dann zur Armutsfalle zu werden drohen, wenn der Ernährer der Familie ausfällt. Die
Scheidungsraten liegen schliesslich bei rund 50 Prozent.

«Paradoxerweise hat sich gerade in Frankreich die rousseausche Neudefinition der Mutterrolle nie vollständig durchgesetzt», sagt Badinter. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Frauen der Oberschicht im 17. und 18. Jahrhundert in Frankreich eine grössere Unabhängigkeit genossen als in anderen europäischen Ländern. Das Modell der Aristokratin, die sich vornehmlich um ihren Pariser Salon und erst danach um ihren Nachwuchs kümmerte, wurde kulturell viel wirkungsmächtiger als anderswo, und auch die unteren Schichten blieben davon nicht unbeeinflusst. So ist erklärbar, sagt Badinter, dass die Französinnen bis heute wenig geneigt sind, in der Mutterrolle vollständig aufzugehen.

Die französische Kultur macht es leichter, Mutterschaft mit anderen Ambitionen zu verbinden. Französinnen dürfen «schlechte Mütter» sein — und genau deshalb ist ihre Fortpflanzungsfreudigkeit ungebrochen. So bleibt etwa die Zahl der kinderlos bleibenden Frauen bei äusserst niedrigen elf Prozent und hat sich über die Zeit kaum verändert. Dagegen ist in Deutschland der Anteil der kinderlosen Frauen mit Jahrgang 1966 auf 26 Prozent gestiegen. Auch in der Schweiz nimmt der Prozentsatz der kinderlosen Frauen rapide zu.

«Kürzlich», sagt Badinter, «hat mir eine Freundin, die in der Schweiz lebt und Geschäftsfrau ist, eine interessante Anekdote erzählt. Sie hat ein Kind bekommen, und nach ihrem Mutterschaftsurlaub hat sie sich bei einer Krippe nach einem Platz für ihr Kind erkundigt. Man fragte sie höflich, ob sie ihr Kind einen oder zwei Nachmittage pro Woche vorbeibringen wolle. Sie antwortete: alle Werktage, und zwar von morgens bis abends. Sie habe in sehr erstaunte Gesichter geblickt.»

Literatur: Elisabeth Badinter: «Le conflit: La femme et la mère», Flammerion, Paris 2010

Donnerstag, 11. März 2010

Schmerzhafte Natürlichkeit

Jedes dritte Kind kommt in der Schweiz per Kaiserschnitt auf die Welt. Für die Gegner ist der Eingriff eine Belastung von Mutter, Kind und Gesundheitssystem.Beweisen lässt sich das allerdings nicht. Warum sollen Frauen noch gebären wie im Mittelalter? Von Nicole Althaus für die Weltwoche, Ausgabe 10/10

Die WHO schlug Ende Januar Alarm: In Asien sind die Kaiserschnittraten bis auf 50 Prozent gestiegen, und Schnittentbindungen bergen ein dreimal höheres Komplikationsrisiko für die Frauen als eine Spontangeburt. Zwar halten die Autoren im Medizinfachblatt Lancet fest, dass die Studienergebnisse nicht eins zu eins auf den Westen mit seinem wesentlich höheren medizinischen Standard zu übertragen seien, doch die Meinung der Medien war längst gemacht: «Kaiserschnitte sind nur bei medizinischer Indikation sinnvoll», untertitelte die NZZ am Sonntag ihren Beitrag zur Studie. Der österreichische Standard warnte: «Kaiserschnitt ist keine harmlose Option.»

Die Diskussionen um die weltweit steigenden Kaiserschnittraten haben ironischerweise sehr viel gemein mit den Wehen einer natürlichen Geburt: Sie kommen in regelmässigen Wellen, sind zermürbend, und sie laufen immer gleich ab: Kaiserschnittkandidatinnen wird vorgeworfen, genau wie Victoria Beckham «too posh to push» zu sein, zu fein zum Pressen. Die Hebammen bezichtigen Ärzte, Schnittentbindungen aus Bequemlichkeit und Geldgier unnötigerweise zu fördern. Und die Ärzte halten dagegen, dass die Mütter bei der Geburt immer älter seien und sich daher die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen erhöhe. Der einzige Fakt, über den man sich nicht streitet, ist die Statistik: Jedes dritte Kind kommt in der Schweiz heute per Schnitt auf die Welt.

«Wellness von Mutter und Kind»

Die Frage nach der «richtigen» Art zu gebären ist zum ideologischen Minenfeld verkommen. Mehr als hundert Artikel wurden im letzten Jahr in Schweizer Medien zum Thema publiziert. Neue Erkenntnisse sind daraus nicht hervorgegangen. Die Autoren holten bei Fachleuten die altbekannten Argumente ab und waren sich weitgehend einig: Der Zuwachs an Kaiserschnitten ist eine fragwürdige Lifestyle-Erscheinung, eine moderne Zivilisationskrankheit gar. Kein einziger Journalist wunderte sich, warum Lifestyle und Zivilisation überall begrüsst werden ausser im Kreisssaal. Niemand stellte den Ärzten und Hebammen die naheliegendste Frage: Warum sollen Frauen ausgerechnet im neuen Jahrtausend, in dem Schafe geklont und Babys im Reagenzglas gezeugt werden, wieder vermehrt gebären wie im Mittelalter?


Weil es für Mutter und Kind das Beste ist. Das wäre die einzige akzeptable Antwort. Der Schweizerische Hebammenverband ist sich dessen bewusst. In seinem Ende 2008 verfassten Positionspapier hält er fest: «Aufgrund der Forschungsresultate ist davon auszugehen, dass ein wesentlicher Teil der in der Schweiz durchgeführten Sectios Mutter und Kind gefährden.» Werden Frauen hierzulande also tatsächlich wider besseres Wissen und gegen ihren Willen zu Kaiserschnitten gezwungen?

«Gezwungen ist das falsche Wort», sagt Doris Güttinger, Hebamme und Geschäftsführerin des Verbandes. «Aber wir wissen aufgrund von Forschungsresultaten, dass die wenigsten Frauen, nämlich zwei Prozent, sich einen Kaiserschnitt wünschen. Also nehmen wir an, dass bei ihnen falsche Ängste geschürt werden und sie im Verlauf der Schwangerschaft Richtung Kaiserschnitt beeinflusst werden.» Nicht umsonst, erinnert sie, sei die Kaiserschnittrate in Privatkliniken und im urbanen Raum viel grösser als auf dem Land. Und fordert: «Jede Frau soll wählen können, wie sie ihr Kind auf die Welt bringt, aber sie soll im Vorfeld auch über die Risiken eines Kaiserschnitts aufgeklärt werden.»
«Dagegen», sagt Roland Zimmermann, Direktor der Klinik für Geburtshilfe am Zürcher Universitätsspital, «habe ich nicht das Geringste einzuwenden, solange der Kaiserschnitt nicht verteufelt und die natürliche Geburt nicht beschönigt wird.» Er lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück und fügt an: «Wenn die natürliche Geburt dem Kaiserschnitt so deutlich überlegen wäre, wie gern behauptet wird, würden wir heute kaum darüber streiten, wie Frauen zu gebären haben.» Fakt sei jedoch, dass sich in westlichen Industrienationen die Vor- und Nachteile beider Geburtsformen für Mutter und Kind etwa die Waage halten: «Kämpfte man vor hundert Jahren noch gegen die Mütter- und Kindersterblichkeit, so geht es in der modernen Geburtshilfe mehr und mehr um die Wellness von Mutter und Kind.» Spiritueller Eifer bei Natürlichkeit

Ein sachlicher Blick auf die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigt: Bei beiden Geburtsarten ist die Sterblichkeit ausgesprochen niedrig (0,002 Prozent bei Spontangeburten, 0,006 bei Kaiserschnitten, inklusive (!) Notfall-Sectiones). Der Kaiserschnitt schneidet etwas besser ab, was das Verletzungsrisiko des Neugeborenen betrifft. Knochenbrüche und beeinträchtigte Nervenstränge sind bei Vaginalgeburten häufiger. Dafür kämpfen vorab Wunschkaiserschnitt-Babys häufiger mit Atemproblemen. Gleich gut schneiden die Geburtsformen bezüglich der Langzeitfolgen für die Frau ab. Mit einer Ausnahme, wie Zimmermann betont: «Bevor ich ein schweres Kind mit der Zange herausziehe und den Beckenboden der Frau womöglich so verletze, dass ihre Kontinenz und Sexualität beeinträchtigt werden, führe ich lieber einen Kaiserschnitt durch.»


Medizinisch gesehen, würde der Kampf um die «bessere» Gebärform demnach mit einem Unentschieden enden, weshalb er auf Nebenschauplätze verlagert worden ist. Zum Beispiel auf das in allen Mutterbelangen geradezu mit spirituellem Eifer besetzte Feld der Natürlichkeit. Seit die Emanzipation in den späten siebziger Jahren die Gebärenden aus den Händen der «seelenlos-sterilen» (Spiegel, 1980) männlichen Geburtsmedizin befreit hat, müssen Frauen nicht nur ein Kind auf die Welt pressen, sondern sich dabei auch noch «stark» und «selbstbewusst» fühlen, ja sich bewusst sein, der künftigen «Menschheit damit die Möglichkeit zu schenken, neu geboren zu werden» (Ingeborg Stadelmann: «Die Hebammen-Sprechstunde», 2005).
Duftkerzen und bunte Kissen

Unter Aufgebot sämtlicher Entspannungstechniken, welche die Naturheilkunde zu bieten hat, und sämtlicher Gebär-Accessoires, die man bei Naturvölkern entdeckt hat, wurde der Kreisssaal in den letzten zwanzig Jahren zur Gebärlandschaft umgebaut. Zu einer pastelligen Welt, in der man der Naturgewalt einer Geburt mit Duftkerzen, Wanne, Strick, Sprossenwand und vielen bunten Kissen begegnet.


Der vorläufige Höhepunkt der Ökogeburts-Propaganda ist der Dokumentarfilm «Orgasmic Birth», der letztes Jahr um die Welt ging: Darin behauptet die amerikanische Geburtshelferin Debra Pascali-Bonaro, dass Wehen orgiastische Gefühle auslösen können. Ja, Sie haben richtig gelesen: Pressen gehört jetzt auch ins «Kamasutra». Die Beweislast der weiblichen Gebärpotenz, das nur nebenbei, liegt selbstverständlich nie bei den einschlägigen Buchautorinnen oder Filmerinnen, sondern stets bei der Probandin: Wähnt sich die Frau unter der Geburt statt im Himmel in der Hölle, hat sie eben die Wehen nicht richtig begrüsst.

Die Aufklärung nämlich, die hat den Kreisssaal nicht erreicht. Obwohl sie von allen Seiten gefordert wird. Eine 2008 publizierte britische Studie der Universität Newcastle wirft den Geburtsvorbereitungsprogrammen vor, die Schwangeren zu wenig von der «romantischen Vorstellung einer sanften Geburt» abzubringen. In der Folge wollten viele Frauen schmerzmittellos gebären, ohne sich jedoch auf die körperlichen Qualen einzustellen, die sie im Kreisssaal erwarteten. Enttäuschung bis hin zu Traumatisierung sind die Folgen.

Wer selber einmal schwanger war, weiss warum: In der einschlägigen Literatur und in vielen Geburtsvorbereitungskursen wird die Schwangere zwar im Detail über die Funktion von Mayahocker und Pezzi-Bällen aufgeklärt, aber nicht über die Folter, die sie darauf erwartet. Der Geburtsschmerz wird noch immer gern mit den Worten «konstruktiv» und «gut» bagatellisiert. Und bis heute hält sich die Ideologie, dass nur eine Frau, die sich dem Schmerz stellt, eine gute Mutter wird: «Eine Epiduralanästhesie schmälert das Bonding zwischen Mutter und Kind», kritisierte Denis Walsh, Professor für Geburtshilfe an der britischen Nottingham-Universität, den Trend zur schmerzfreien Geburt im Juli 2009. «Der Geburtsschmerz wird von den Müttern heute negativ statt positiv besetzt.» Den intellektuellen Gehalt dieser Aussage erkennt, wer sie auf eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt anwendet. Gut nur, dass wenigstens etymologisch das Geschehen im Kreisssaal nicht schöngeredet werden kann: Das Wort stammt nämlich vom gleichlautenden mittelhochdeutschen Wort «Kreissen» ab, was so viel hiess wie «gellend schreien».

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die feministische Natürlichkeitsfraktion die Frauen zwar erfolgreich aus der männlich dominierten Geburtshilfe befreit, dafür aber dem biblischen Eva-Fluch unterworfen hat: Unter Schmerzen sollst du gebären! Was früher Last war, wird heute zur Lust, ja nachgerade zur mütterlichen Pflicht hochstilisiert. Galt es früher einfach eine Geburt zu überleben, so gilt es heute an diesem Event zu wachsen.

Gleichzeitig wird der Geburtsstreit auch auf dem pekuniären Nebenschauplatz angezettelt und damit zum Politikum erhoben. Gleich zwei parlamentarische Vorstösse verlangten letztes Jahr vom Bundesrat Massnahmen gegen die wachsende Kaiserschnittrate. Die Genfer SP-Parlamentarierin und Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes, Liliane Maury Pasquier, forderte vor gut einem Jahr in einer Motion, den Gründen für das Sectio-Wachstum nachzugehen. Im vergangenen Juli verlangte Marcel Scherer, SVP-Nationalrat aus dem Kanton Zug, medizinisch unbegründete Kaiserschnitte aus der Grundversicherung zu streichen. Als Reaktion darauf hat das Bundesamt für Gesundheit laut Projektleiterin Miranda Dokkum eine Pilotstudie in Auftrag gegeben und behält sich finanzielle Massnahmen zur Reduktion von Wunschkaiserschnitten vor.

Für einmal ziehen also alle am selben Strick. Was an sich schon hellhörig machen sollte. Denn wenn letztlich die Kosten entscheiden sollen, wie Frauen zu gebären haben, dann müsste man erst richtig betriebswirtschaftlich rechnen: «Die grössten Kosteneinsparungen in einer Geburtsabteilung erhalte ich, wenn theoretisch alle Frauen per Kaiserschnitt entbinden», sagt Professor Zimmermann ketzerisch. Dann nämlich kann das OP- und Anästhesiepersonal, das Tag und Nacht auf Pikett ist, deutlich reduziert werden. Kaiserschnitte sind planbar und fallen nicht nachts oder am Wochenende an wie Spontangeburten. Zimmermann will das nicht als Votum gegen die natürliche Geburt verstanden haben. Er gibt nur zu bedenken, dass diese lediglich daher billiger sei, weil es das heutige Tarifsystem nicht zulasse, dass die Betriebskosten verursachergerecht auf die Geburtsart überwälzt werden. Die natürliche Geburt wird also quersubventioniert. Das sollte wissen, wer via Portemonnaie Gebärpolitik betreiben will.

Nicole Althaus ist Journalistin und Autorin des «Mamablogs».
Illustration: Kat Menschik

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