Dienstag, 30. November 2010

"The" Realitätsverlust

Ein Klassiker unter den Erziehungsratgebern predigt die totale Bindung zum Baby. Realistisch ist das aber nicht.

Die Regale der Buchläden sind voll davon, jede von uns hat mindestens eines davon zu hause. Schlaf-, Ernährungs-, Erziehungs- und sogar Spiel-Ratgeber füllen auch unsere Büchergestelle. Die Bibel dieser Literatur nennt sich, wie es sich für eine Bibel gehört „The Baby Book“. Als gäbe es kein anderes.

William und Martha Sears predigen darin das „Attachment Parenting“. Diese Philosophie, die sich an den Naturvölkern orientiert, will, dass wir unser Baby im Tragetuch immer dabeihaben, mit ihm schlafen und wir uns ganz allgemein vollkommen seinen Bedürfnissen anpassen. Wie wir dabei auch noch Geld verdienen, den Haushalt schmeissen und überhaupt ein Leben haben sollen, sagen uns die Autoren wiederum nicht. Wahrscheinlich erwarten sie einfach, dass man reich genug ist, eben nicht arbeiten gehen zu müssen, eine Putzfrau zu haben und nur noch mit Freunden zu verkehren, die ebenfalls ihr Baby 24 Stunden am Tag vor sich hängen haben. Also ein Buch für Reiche?

Was bei diesem Ratgeber vor allem verstört, ist die Annahme, dass Mutter und Vater das alleine bewältigen sollen. Keine Grosseltern, die mal aushelfen und selbstverständlich auf keinen Fall einen Babysitter, um einmal in Ruhe zum Friseur zu gehen oder eine Art Eheleben zu fungieren.

Wenn Sie dazu die weiteren modernen Anforderungen an Eltern addieren: Selbstgemachter Babybrei, Stoffwindeln und einen dem Baby vollkommen angepassten Tagesablauf, landen Sie bei den neuen Idealen, wie Eltern zu sein haben. Alles andere wäre Gift für die Entwicklung unserer Kinder!

Nach der Ernährungspolizei kommt jetzt also auch die Fürsorgepolizei. Das Projekt Kind soll dank Tragetuch und Co-Sleeping erfolgreich über die Bühne gehen. Seit ein paar Jahren wird das Muttersein glorifiziert und wer nicht aufpasst, könne meinen, das sei etwas Positives. Ist es nicht, glauben Sie mir. Denn dabei werden nicht nur Mütter in einen goldenen Käfig gesperrt, unsere Kinder werden genauso instrumentalisiert. Moderne Eltern könnten auf die Idee kommen, ihr Kind formen zu können, wenn sie nur alles „richtig“ machen.

Kann man Kind und Mutter überhaupt gleich zufriedenstellen? Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass der Chef das in Ordnung findet, wenn ich mein Baby im Tragetuch dabeihabe und mitten in der Sitzung anfange zu stillen. Und was ist mit Mittagsschlaf? Da müsste ich mich ja mit hinlegen, sonst habe ich die Pflicht des Co-Sleepings nicht erfüllt.

Bereits mit „Origins“ wird suggeriert, dass wir alleine dafür verantwortlich sind, ob unser Kind im Leben Defizite aufweisen wird oder nicht. Und zwar je nach dem wie wir uns während der Schwangerschaft verhalten. „The Baby Book“ geht noch einen Schritt weiter: Indem Eltern auf diese Art an ihr Kind gebunden werden, haben sie eine scheinbare Kontrolle in einer Welt, die sie nicht kontrollieren können. Ich kann alleine nicht verhindern, dass Menschen an Hunger sterben, ich kann aber mein Kind jahrelang stillen. Ich kann nichts gegen die wachsende Kriminalität unternehmen, nur schauen, dass der Stundenplan meines Sohnes vollgestopft ist, damit er keine Dummheiten macht.

Es ist kaum vorstellbar, dass Dr. Bill & Martha, bekannt dank über 40 Erziehungsbüchern und der Ratgebersite AskDrSears.com, das Leben mit ihren acht (!) Kindern auf die Weise gemeistert haben, wie sie es von heutigen Eltern verlangen. Ich wage zu bezweifeln, dass Dr. Sears das Tragetuch dabeihatte, als er in diversen Kinderkliniken Assistenzarzt war. Es kommt jedoch nicht von ungefähr, dass Martha der La leche Ligue angehört und sich eine „Professional Mother“ nennt. So wir ihr Buch „The Baby Book“ ist, stellt sie „The“ mother dar.

Diese Art von Literatur wirft immer wieder die Frage auf „Bin ich eine gute Mutter, ein guter Vater? Tue ich wirklich alles dafür, damit mein Kind gedeiht?“ Diese Schuldgefühle beginnen mit dem positiven Schwangerschaftstest und hören erst auf, wenn wir es beschliessen. Eltern brauchen keine Ratgeber, sie brauchen jemanden, der ihnen sagt: „Es gibt keine Regeln, tu einfach dein Bestes.“

Freitag, 26. November 2010

Big mother's watching you

Kinder können rund um die Uhr überwacht werden. Gut?

Lesenacht im Kanton Zürich. Wo Nacht drauf steht ist meist auch Nacht drin, um sechs Uhr abends ist es bereits stockdunkel. Trotzdem wollen unsere Kinder alleine in die Schule gehen. Da wir in einem sehr kleinen Dorf leben und die Beleuchtung um diese Zeit ganz o.k. ist, willige ich ein. Schliesslich geht eine ganze Gruppe Erstklässler, um sich die Geschichten von „Schnädi und Höppi“ anzuhören.Total aufgeregt zieht mein Grosser los, er soll bei seinem Freund klingeln und dann an der Ecke auf die anderen warten.

Zehn Minuten später steht eben dieser Freund bei uns vor der Türe. Ich bin keine hysterische Mutter, meistens nehme ich kleine Missgeschicke wie blutige Knie und Schlägereien sehr gelassen. Den Schulweg bin ich nur ein paar mal mit meinem Sohn gegangen, danach vertraute ich ihm voll und ganz, dass er das alleine kann.

Doch wenn es darum geht, nicht zu wissen, wo er ist, sieht die Sache vollkommen anders aus. Leichte Panik überkommt mich, wenn ich mir vorstelle, dass er an der nächsten Ecke in den Wagen eines wildfremden Mannes gestiegen ist. Oder er hat sich verlaufen und irrt ängstlich herum.



Nun wäre ich plötzlich froh, hätte mein Sechsjähriger ein Handy dabei, auf dem ich ihn anrufen könnte. Schliesslich kann ich meinen Mann auch telefonisch erreichen, wenn er sich wieder einmal zum Abendessen verspätet. „Wo bisch?“ ist doch wohl die meist gestellte Frage im Zeitalter der Überkommunikation.

Doch wir pädagogisch hoch entwickelten Eltern wollen ja unsere Kinder nicht zu sehr verwöhnen. Als mein Grosser mich fragte, wann er ein Handy haben dürfe, habe ich schlichtweg ausgelacht und vertröstet. Astrid Lindgren und Erich Kästner hätten kaum Karriere als Kinderbuchautoren gemacht, hätte es damals Handy und GPS gegeben. Die meisten spannenden Geschichten entwickelten sich früher doch eben genau deshalb, weil Eltern keine Ahnung hatten, wo sich die Kinder aufhielten.

Wäre mir mein Anliegen wirklich ernst, hätte ich heute eine immer länger werdende Liste an Hilfsmitteln, um mein Kind zu „tracken“. Handybesitzer sind sich schon lange im Klaren, dass man sie per Ortungs-Software finden kann, wenn man will. Doch auch Kinder, die eben noch kein Mobiltelefon besitzen, sind auf ihrem Schulweg vor elterlicher Aufsicht heute nicht mehr sicher.

Ion Kids Child Tracking System ist ein armbanduhrähnlicher Sender mit sicherem Verschluss, den das Kind nicht unbemerkt öffnen kann. Sollte der Bengel es doch wagen, meldet ein Sensor, dass kein Hautkontakt mehr besteht. Was das Kind selber dazu meint, wenn es wie ein Verbrecher eine Handfessel erhält, wird nirgends erwähnt. Das überlässt der Hersteller den ängstlichen Eltern.

Damit das Kind gar nicht erst erfährt, dass es überwacht wird, gibt es den Kidfinder vom Frauenhofer-Institut: Diese kleine Karte legt man in eine gängige Spielkonsole ein und schon wird das Kind über GSM oder GPS überwacht. Die Eltern erhalten bei Anfrage ein SMS und wissen so immer genau, wo sich der Nachwuchs aufhält. Auch hier werden den Eltern keine Tipps gegeben, wie sie sich zu verhalten haben, sollten die Kinder vom Schulweg abgekommen sein.

Pädagogen sind sich indes einig: Dem Kind wird es massiv an Selbstvertrauen fehlen, wenn es ständig von den Eltern überwacht wird und sie ihm zu verstehen geben, dass sie ihm nicht genug vertrauen. Doch leider scheint die Angst der Eltern in der Prioritätensetzung die Überhand zu nehmen.

Auch die Kosten scheinen Eltern nicht abzuschrecken. Die Angst um den Nachwuchs ist nämlich viel Wert, die Kinder-Finder kosten ein Vermögen! Diese Art von Marketing schlägt bekanntlich immer wieder in dieselbe Kerbe: Bisphenol-freie Flaschen, Atemüberwachungsgeräte oder Kinderleinen wie bei Hunden). Das Spiel mit der elterlichen Angst funktioniert und setzt weltweit Millionen um.

So auch bei mir. Wie sehr hätte ich mir an jenem Abend gewünscht, ein solches Kid-Finder-Tracker-Du-Kommst-Sofort-Nach-Hause-Sonst-Erfährst-Du-Was-Ein-Elektroschock-Ist-Armband zu besitzen. Ich hätte auch nicht gezögert, unser Erspartes dafür hinzublättern. Glücklicherweise konnten wir das Problem anders lösen: Meine liebe, hilfsbereite Nachbarin, die ihren Sohn im Kindergartenalter sowieso an die Lesenacht begleitete, hat mir nach zehn Minuten Bescheid gegeben, dass mein zerstreuter Sohn sicher in der Schule angekommen sei. Erleichtert atmete ich auf und war froh, ihm keine Fussfessel angezogen zu haben. Er hatte vor lauter Aufregung einfach vergessen, bei seinem Freund zu klingeln und lief schnurstracks in die Schule. Das Beste daran? Er war total stolz auf sich, dass er im Dunkeln keine Angst gehabt hatte!

Was meinen Sie? Soll man Kinder ständig überwachen können, um ihrer Sicherheit willen? Oder schadet es ihrer Entwicklung?

Donnerstag, 25. November 2010

Rechtzeitig zum Weihnachtsshopping


Zugegeben, ich shoppe gerne, vor Weihnachten sowieso. Doch bin ich deshalb zu blöd, meine Finanzen im Griff zu behalten? Wenn man die vielen Ratgeber zu diesem Thema sieht, offensichtlich schon. Und zwar bloss, weil ich eine Frau bin.

Von Ralph Pöhner für clack.ch

Von Menschen und Mäusen.

Dienstag, 23. November 2010

Die guten alten Väter

Neue Väter, wo man hinschaut! Und was ist mit den alten?

So, jetzt muss ich es mal loswerden. Ich kann es nicht mehr hören! Überall laute – oft weibliche – Stimmen, welche die sogenannten „neuen“ Väter rühmen, Loblieder singen und den Teilzeit-Familienalltag seitens der Männer als einzig wahre Lebensweise hochstilisieren. Wochentagväter, Stay-Home-Daddys, Vollzeitpapas und wie sie sonst noch genannt werden sind die neuen Frauenhelden. Michael Mittermeier schrieb sogar ein Buch über sein Leben als „Windelman“.

Wie immer bin ich der Meinung, wenn es für die Familie das richtige Modell ist, bitteschön. Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden. Was mich dabei stört ist die unterschwellige sehr hoch gesetzte Latte, die den „alten“ Vätern das Gefühl gibt, familientechnische Versager zu sein.

Uns Frauen geht es schon lange so. Sobald wir uns die Frage stellen, was eine gute Mutter eigentlich ist, wird uns bewusst, dass man es niemandem Recht machen kann. Und nun sind offenbar die Männer dran. Wer in den Achtzigern noch als Softie beschimpft wurde, weil er die Wäsche wusch und die Kinder zum Arzt begleitete, ist heute erst ein guter Vater.

Der Umkehrschluss ist demnach, dass ein Vollzeit arbeitender Vater, der gar Überstunden schiebt, ein schlechter Vater ist. Er verbringt ja viel weniger Zeit mit seinem Nachwuchs als er das eigentlich sollte.

Nun will ich natürlich nicht leugnen, dass es da draussen leider viele Väter gibt, die sich viel zu wenig einbringen und für die ihre Kinder lediglich eine Wochenendbeschäftigung darstellen. Aber es gibt eben auch die anderen und Sie ahnen es schon, einer von denen ist der Vater meiner Kinder.

Unser „Wochenendpapi“ ist eben kein Schoggipapi, der die Kinder in seiner Freizeit links liegen lässt oder noch schlimmer, verwöhnt. Er ist auch keiner, der die gesamte Erziehung der Mutter überlässt. Und schon gar nicht ist er einer, der zuhause nichts tut, bloss weil er mehr Lohn nach hause bringt.

Unser „alter“ Vater ist deshalb ein guter Vater, weil er

- mitdenkt, wenn es um die Organisation von familiären Angelegenheiten geht
- den Stundenplan seiner Kinder genauso gut kennt wie Mami
- schaut, dass er die Zeit, die er mit ihnen hat, auch nutzt
- jedoch immer durchgreift, wenn es nötig ist
- mit ihnen Sachen unternimmt, für die Mami weder Zeit noch Lust hat
- sich bei seiner Frau nicht selten für ihren Einsatz bedankt
- einfach die besseren Geschenke für seine Kinder aussucht
- sich sorgt
- nicht nur im Notfall hilfsbereit zur Stelle ist und wichtige Sitzungen absagt
- nicht (nur) aus Freude 100% arbeitet, sondern weil er gerne für seine Familie sorgt, eben auch finanziell
- uns täglich zu verstehen gibt, dass wir das Beste sind, was ihm passiert ist
- er der beste Vater ist, den sich Kinder wünschen können (als Ehemann ist er übrigens auch nicht schlecht).

Zu Weihnachten wünsche ich mir deshalb, dass die Gesellschaft nun nicht auch noch die Väter mit Selbstzweifeln überhäuft. Liebe Väter, wenn Sie es wirklich wollen – und Ihre Frauen Sie lassen – sind Sie mit Sicherheit gute Väter, egal, ob quantitativ oder qualitativ präsent.

Was mein ihr? Darf man heute als Vater überhaupt noch 100% arbeiten? Oder ist nur der neue Vater ein guter Vater? 


Und wie's der Zufall manchmal will: Die Wünsche der Väter im neuen wir eltern.

Wise Christmas

Für die, die es sich leisten können (nicht nur finanziell, auch familien-weihnachtsstress-technisch) vor, über oder nach Weihnachten zu verschwinden. Am besten ohne Kinder.

Ein Hotel für jeden Typ
 
Sterne allein sagen bei Hotels wenig aus, entscheidend ist der Stil. Es gilt: Sag mir, in welches Hotel du gehst, und ich sag dir, wie du bist.

Ganzer Artikel auf clack.ch

Dienstag, 16. November 2010

Die Memmen-Mutti

Multitasking war einmal. Zumindest bei mir.

Immer wieder lesen wir über XXL-Familien, Mütter mit 14 Kindern und Clans, die seit Generationen den nationalen Durchschnitt des Nachwuchses in die Höhe drücken. Erzählungen von Eltern, die den Alltag mit Bravour meistern und ihre Kinder gezwungenermassen zur Selbständigkeit erziehen, irritieren mich zuweilen. Einerseits bewundere ich diese Mütter, für die ihre Kinder nur Segen sind und Schnäppchen jagen ein spannendes Hobby darstellt. Andererseits bodigt mich die Erkenntnis, wie unfähig ich im Gegensatz zu ihnen bin. Mal ehrlich, meine zwei Kinder, ihre Erziehung, mein Beruf und mein Haushalt fordern mich management-technisch manchmal derart heraus, dass ich mich frage, wie ich es bewerkstelligen würde, wenn ich mit einem Dutzend mehr davon „gesegnet“ wäre. So ganz ohne Aufputschmittel und Supernanny.

Gerade die letzten Wochen waren besonders anstrengend: An Folter grenzenden Schlafmangel, Vater und Sohn mit Grippe im Bett, eine kleine Pestbeule mit enormem Entdeckungsdrang (unsere WC-Bürste hat es schon bis in den Garten geschafft), die Einführung in die Krippe und ein paar neue Aufträge. Das haut die beste Projektmanagerin um. Hoffe ich.

Die Überforderung kam zu einem Päckchen gebündelt eines Abends, als der Vater krankheitsbedingt einen Zwölf-Stunden-Marathon bewältigt: Ich stecke die Kinder in die Badewanne, in der Annahme, dass der sonst sehr hilfreiche Daddy bald – möglichst frisch – aufwachen wird und sich zu ihnen gesellt, während ich koche. Tut er aber nicht. Aufwachen, meine ich. Trotzdem habe ich schon angefangen zu kochen, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Denn eigentlich bin ich ja froh, dass die Kinder im Bad stecken, so stört mich keiner in der Küche (Ich muss gestehen, ich koche nicht gerne und schon gar nicht gut. Deshalb macht mich Ablenkung nervös.). Um jedoch die totale Aufweichung meines Nachwuchses zu vermeiden und der Papa immer noch keine Anstalten macht, aufzustehen, bleibt mir nach 20 Minuten doch nichts anderes übrig, als sie völlig verschrumpelt aus dem Wasser zu holen. Und unser Abendessen der Gefahr auszusetzen, anzubrennen. Doch dann geht der Stress erst richtig los. Die Kleine krabbelt mir mit Vorliebe zwischen den Füssen herum, wenn ich in der Küche stehe. Den Grossen hat das Bad zu neuem Leben erweckt, er quasselt mich voll über Beethoven und dass er taub war und trotzdem so tolle Musik schreiben konnte (er steht auf "Freude schöner Götterfunken". Bei ihm ist die Tochter jedoch aus „Aluminium“). Völlig entnervt knalle ich ein nicht gerade ansehnliches Abendessen auf den Tisch, zudem sich der gnädige Herr hungrig hinzusetzt. Mein Knurren ist unüberhörbar.

Fazit: Meine Multitasking-Fähigkeiten schwinden zusehends. Sah ich mich früher als eine Art Supergirl im typisch weiblichen "Ich-kann-reden-zuhören-schreiben-waschen-bügeln-sexy-sein-und-das-alles-gleichzeitig", so fällt es mir heute schon schwer, die Wäsche zusammenzulegen und nebenbei meinem Mann zuzuhören, wie er von seinem Tag berichtet.

Immer wurde uns Frauen nachgesagt, wir seien die Multitasker, Männer könnten keine zwei Sachen gleichzeitig erledigen. Für Forscher stimmt das so nicht. Multitasking kann keiner gut - weder Mann noch Frau. Es schadet der Produktivität. Doch natürlich haben die ganz Schlauen auch hierfür Tipps. Am besten gefällt mir Tipp Nummer 1: Schlafen. ICH würde ja, aber meine Tochter eben nicht!

Wahrscheinlich ist die beschriebene Situation, die ja nur etwa eine Stunde dauerte für die meisten von Ihnen Pipifax. Ich war danach erschöpft. Und das ist eigentlich das Schlimmste daran: Bin ich eine Memmen-Mami? Eine Susi-Mutti? Ein Weichei also?



Dieser Post ist ebenfalls auf dem wir eltern Blog zu lesen.

Freitag, 12. November 2010

Mutter Natur letztes Wort

Wie viele Kinder sind genug? Eigene, meine ich. Und was, wenn Mutter Natur anderer Meinung ist als ich?

Letzte Woche wachte ich sehr früh morgens auf, weil mir unglaublich schlecht war. Ich hatte nichts Spezielles gegessen, noch war mir ein Virus bekannt, der zur Zeit die halbe Bevölkerung zur Schüssel treibt. Und da schoss mir völlig unerwartet die Möglichkeit durch den Kopf, ich könnte schwanger sein. An einschlafen war dann nicht mehr zu denken.

Wir sind sehr glücklich mit unseren zwei Kindern. Für mich als Einzelkind war es immer klar, nicht bei nur einem aufzuhören, mehr als zwei wollte ich mir aber auch nie antun. Zur Zeit sind die Töchter unserer Freunde bei uns zu Besuch, alles wunderbar, wir haben Spass, aber es ist auch schön, sie in ein paar Tagen wieder abgeben zu können.

Doch was, wenn uns Mutter Natur trotz sicherer Verhütung (so sicher sie halt zu haben ist) ein Schnäppchen schlägt? Wie würde ich, wie mein Mann reagieren, wenn ich wirklich wieder schwanger wäre?

Denn als Frau ist es doch so, dass man sich insgeheim freut, wenn der Körper so gut "funktioniert". Schwangerschaftstests als junge Frau machten einen zwar nervös, hinter der Erleichterung darüber, nicht mit 20 Mutter zu werden, steckte bei mir jedoch immer auch etwas Enttäuschung, dass mein Körper "versagt" hatte.

Ich war nie gegen Abtreibung. Selber hätte ich eine Abtreibung zwar nur in Betracht gezogen, wenn die Umstände untragbar gewesen wären. Meine Familie hätte mich auch als junges Mädchen unterstützt und ich war optimistisch (oder naiv) genug, um ein Leben unter erschwerten Bedingungen in Angriff nehmen zu wollen.

Nun kenne ich Frauen, die einen Schwangerschaftsunterbruch in Kauf nahmen und heute noch unter den Spätfolgen, ob physischer oder psychischer Natur, leiden. Die Gründe für den Schwangerschaftsabbruch waren vielfältig und bei allen nachvollziehbar: Zu jung, nicht verheiratet (vor zwei Generationen war das ein schwerwiegendes Kriterium) oder einfach weil der Bettgefährte als Vater nicht sehr viel versprach, hatte er sich doch bereits „am Morgen danach“ vor Sonnenaufgang aus dem Staub gemacht. Ich bin seither auf jeden Fall der Ansicht, dass jede Frau selbst entscheiden darf, ganz nach dem Feministen-Leitsatz „Mein Bauch gehört mir!“.

So haben wir uns entschieden (in unserem Fall gehört mein Bauch eben uns und nicht nur mir), uns mit zwei Kindern zu begnügen. Davon zeugt auch unser frisch gekauftes Haus, das genau zwei Kinderzimmer hat. Das Büro/Gästezimmer, welches massgeblich zum Kauf des Hauses beitrug, wollen wir eben auch in den nächsten Jahren als solches nutzen, bevor wir zu altersschwach sind, die Treppe zu meistern. Ich weiss selber, wie oberflächlich das klingt, aber ein weiteres Kind hätte bei uns sprichwörtlich keinen Platz.

Dennoch... Eine Abtreibung, wenn man bereits zwei Kinder in die Welt gesetzt hat? Zwei wunderbare Kinder, die einen täglich zum Schmunzeln bringen, zu Tränen rühren und ja, auch, zum Wahnsinn treiben? Kinder, die einem beigebracht haben, das Leben ganz anders zu sehen und die einen jede Sorge für fünf Minuten vergessen lassen, weil sie einfach das wunderbarste Lachen haben? Die einen ziemlich anderen Menschen aus mir gemacht haben, in dem Moment, indem ich ihnen zum ersten Mal in die Augen blicken durfte?

Könnte ich ein weiteres Kind einfach nicht austragen, weil es nicht mehr in unser Lebenskonzept passt? Ich bezweifle es. Und doch bin ich froh, dass mir seither nicht mehr schlecht war.

Mittwoch, 10. November 2010

Die Frage ohne Antwort

Eltern hoffen, sich diese Frage nie stellen zu müssen: "Wohin mit den Kindern, wenn uns etwas passiert?"

Diesen Sommer durften wir unsere Beziehung wieder einmal als richtiges Paar wahrnehmen. Nur er und ich. Ohne Kinder, ohne Beruf, ohne Alltag. Wunderbar! Fünf Tage, vier Nächte - wie früher.

Nur dass eben nichts mehr so ist wie früher. Denn früher waren wir zu zweit, heute sind wir zu viert, auch wenn wir als Paar unterwegs sind. Wie man es auch dreht, die Kinder sind immer dabei. Denn wenn sie Nachwuchs bekommen, werden Eltern einer Verletzlichkeit ausgesetzt, die sie nicht mehr loslässt.

Die kleinen Wesen wollen beschützt werden, sie sollen nur das Beste bekommen. Und das Beste sind wir - die Eltern. Wir sorgen für ein Dach über dem Kopf, den vollen Teller, Ausbildung und vor allem geben wir diesen Kindern diese unbeschreibbare Liebe, von deren Existenz wir vorher gar nichts wussten. Was also, wenn uns Eltern auf dem Weg in unser egoistisches, romantisches Wochenende etwas passiert?

Diese Frage, die ich mir unter normalen Umständen nicht stelle, kriecht eines Nachts langsam und fies in mein Bewusstsein. Und wird sogleich in die Abgründe meines Gewissens verdrängt. Doch sie bleibt hartnäckig und kommt immer wieder an die Oberfläche, um mich daran zu erinnern, welche Verantwortung Kinder mit sich bringen.

Was doch alles passieren könnte: Das Flugzeug stürzt ab, wir landen mit dem Mietauto am Fusse eines bretonischen Felsen, die Austern sind vergiftet, wir werden überfallen und getötet. Der Fantasie sind in solchen Momenten keine Grenzen gesetzt.

Was, also, wenn wir nicht mehr wären? Ich will jetzt nicht die pathetische Diskussion führen, wie unsere Kinder den Verlust beider Eltern verarbeiten würden, sonst kommen mir die Tränen und ich sehe nicht mehr, was ich schreibe. Bleiben wir also sachlich: Wen würde ich auswählen, um meine Kinder in Zukunft zu betreuen, zu erziehen, kurz – zu lieben? Bei wem würden meine Kinder wohnen?

Die Grosseltern sind zu alt, Gotten und Göttis haben selbst fast alle Kinder und schlichtweg keinen Platz, um deren Anzahl zu verdoppeln. Ausserdem müsste man sie aus ihrem gewohnten Umfeld reissen, was der Trauerphase nicht gerade förderlich wäre.

Vielleicht haben Sie mich durchschaut. Ich suche nach Ausreden, um die eigentliche Frage nicht stellen zu müssen: Wer würde die Kinder genauso lieben wie wir? Und wen würden Sie genauso lieben wie uns? Kann man diese Frage beantworten? Kann sich eine Mutter, ein Vater überhaupt vorstellen, dass ihre/seine Kinder einmal die Kinder von jemand anderem werden? Dass sie Sonntagmorgens in ein anderes Ehebett steigen, um mit anderen Eltern zu schmusen? Jeden Abend einem anderen Vater mit „Papiiii!“ entgegenrennen? Und einer anderen Mutter ihren Kummer erzählen?

Vor ein paar Jahren, schickten wir ein Freundespaar in Urlaub und übernahmen ihre damals vierjährige Tochter und den dreijährigen Sohn für eine Woche. Dieses damals ebenfalls junge Paar scheute sich, im Gegensatz zu mir nicht, diskutierte die Frage zu Ende und beantwortete sie in einem Testament.

Das Internet steht natürlich auch hierfür mit Rat und Tat zur Seite. Uns Eltern wird geraten, ein formal korrektes Testament aufzusetzen, in welchem der Vormund festgelegt wird. Doch die Frage, wie ich einen geeigneten Vormund auswähle, beantwortet mir auch das World Wide Web nicht.

Bevor mein Mann und ich diesen Sommer wegfuhren, hätten wir vernünftigerweise ebenfalls ein Testament schreiben sollen. Doch wir konnten die Diskussion einfach nicht führen, da wir, beim Gedanken an unsere Kinder die fortan ohne Mami und Papi leben müssten, einen Kloss im Hals bekamen und nicht weiterreden konnten. Also liessen wir es darauf ankommen und hatten Glück, keine Un- oder Überfälle, keine vergifteten Schalentiere, alles ging gut. Gesund und munter durften wir sie fünf Tage später glücklich in die Arme schliessen. Bis auf ein nächstes Mal...

Was meinen Sie? Wie entscheidet ein Elternpaar, welche Personen gut genug für ihre Kinder sind? Gibt es überhaupt andere Menschen, die uns Eltern ersetzen können? Welchen Kriterien müssen sie gerecht werden? Könnten Sie diese Frage beantworten? 

Einen juristisch interessanten Kommentar findet ihr auf dem Blog von wir eltern.

Mittwoch, 3. November 2010

Pimp my kid

Es ist nie zu früh, das Projekt "Kind" zu fördern...
Wieviel Förderung überfordert?

Huch! Denke ich und schaue dabei meiner zweijährigen Tochter zu, wie sie sich immer wieder im Kreis dreht und ziemlich betrunken in die Gegend schaut, wenn sie stehen bleibt. Und noch mal. Sie geniesst es, dieses Gefühl, keine Kontrolle über sich zu haben. Mmmh... Klingt ja nicht gerade nach fördernder Aktivität, die mein Kind darauf vorbereitet, mit unserer sich ständig verändernden Welt schritthalten zu können.

Weil es wahrscheinlich nicht nur mir so geht, wirbt das Programm von FasTracKids mit eben solchen Fragen. Das gemäss Homepage in über 50 Ländern vertretene Franchise-Lernprogramm (die Schweiz ist noch nicht dabei), arbeitet mit der Angst der Eltern, das wichtigste Zeitfenster der Gehirnentwicklung Ihres Kindes ungenutzt verstreichen zu lassen. In Zeiten von PISA, HARMOS und Frühenglisch ein Leichtes. Niemand will, dass sein Kind in der Schule das Schlusslicht bildet. Also tun wir Eltern einiges dafür, dieser Falle auszuweichen.

Und tappen so in die nächste: FasTracKids (Überholspurkinder) ist ein Lernprogramm, dass „ein Leben lang für Vorsprung sorgen wird“, so das Versprechen der Veranstalter. Dabei legen sie „unabhängige Forschungsergebnisse“ vor, die besagen, dass kleine Kinder eine besondere Art der Synapsenvernetzung besitzen, die es unbedingt zu nutzen gilt, bevor es zu spät ist!

Tatsache ist, dass wir alle nicht davor gefeit sind, uns zu fragen, ob wir genug für unsere Kinder tun. Ernähren wir sie gesund? Verwöhnen wir sie zu sehr? Lieben wir sie genug? Mit diesen Ängsten zu spielen, scheint ein neues Business zu sein.

Viele Eltern sehen ihre Aufgabe heute darin, ihre Kinder auf schulischen – und später beruflichen – Erfolg zu trimmen. Obwohl es wissenschaftlich umstritten ist, inwiefern die Erziehung Einfluss auf unseren Erfolg in der Ausbildung haben. Langzeitstudien mit Adoptivkindern haben gezeigt, dass Vererbung eine viel grössere Rolle spielt als solche Lernprogramme.

Heisst das, egal was wir tun, unseren Kindern ist der schulische Erfolg durch ihre DNA vorbestimmt? Erfolgreiche Eltern = erfolgreiche Kinder? Nicht ganz. Da sind sich Lernforscher – zumindest die seriösen – offenbar einig: Kinder lernen in den ersten Jahren tatsächlich sehr viel, aber lediglich nach dem Prinzip „Learning by doing“. Feuer ist heiss, Schnee ist kalt. Anfassen, fühlen, erleben.

Das „Zickzackverfahren“, das unter anderem bei FasTracKids angewendet wird, gleicht hingegen einer totalen Reizüberflutung. Mit der Erklärung, die Aufmerksamkeitsspanne eines Vorschulkindes reiche nicht über zweieinhalb Minuten, soll die Konzentrationsfähigkeit durch wechselnde Impulse erhöht und somit eine „hervorragende Basis“ für die schulische Bildung geschaffen werden. Was diese Methode mit dem zitierten Slogan „Spass am Lernen“ zu tun hat, ist nicht nur mir, sondern auch Neurobiologen schleierhaft.

Wenn man durch die Homepage klickt, stösst man auf Slogans wie „We live in exponential times“, „“Love of learning“, „Preparing children for the future“, die offensichtlich unsichere Eltern werberisch anspornen sollen. Und kommt nicht umhin zu denken, dass es bei der ganzen Übung wohl darum geht, ehrgeizige und vielleicht auch gelangweilte Mütter und Väter glücklich zu machen. Schliesslich hat man viel in das „Projekt Kind“ gesteckt. Mami hat den Beruf aufgegeben, Papi den Sportwagen. Das soll sich nun bitte auch lohnen.

Wieviel Förderung halten Sie für richtig? Und braucht es dafür Kurse? Reicht es heute nicht mehr, mit seinem Kind zu spielen und spazieren zu gehen, um es auf die Zukunft vorzubereiten? 

Post und Kommentare auf dem Blog von wir eltern.

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