Donnerstag, 8. Januar 2015

Generation F (wie Freiheit)

Illustration: Patrick Sassine


Nach dem gestrigen Attentat schreien wir alle nach Meinungsfreiheit. Doch soll diese wirklich für alle gelten?

„Ich will nicht, dass meine Kinder in einer solchen Welt aufwachsen.“ Das war das Erste, was mir durch den Kopf ging, als ich gestern die schrecklichen Nachrichten aus Paris vernahm. Illustratoren und Journalisten der Satirezeitung Charlie Hebdo, die erschossen wurden, weil sie es gewagt haben, sich auszudrücken. 12 Tote. Wegen Satire. Wegen Humor.

Ist diese Welt verrückt geworden? Nicht verrückter, als sie es in den letzten 20, 60, 100 oder 2000 Jahren war. Attentate gegen die Freiheit und Terroranschläge hat es schon immer gegeben. Man denke nur an die Kreuzritter, das dritte Reich, die R.A.F etc. Wieso trifft uns das gestrige Mordkommando also so hart? Wohl weil es in Frankreich passierte, der Bastion der Meinungsfreiheit. Aber sicherlich auch, weil die genannten Beispiele entweder schon lange her sind, oder es geschah nicht bei uns (in Paris geboren und mit einem französischen Illustrator verheiratet, ist Frankreich meine zweite Heimat). Aber fragen Sie mal Journalisten in Syrien, Libyen oder Nordkorea, wie frei sie sind. (Meinungs-) Freiheit ist ein kostbares Gut. Und viel zu oft vergessen wir, das wir diese Freiheit im Grunde geniessen. Bis gestern.
Das Problem mit der Meinungsfreiheit
Schon unsere Eltern dachten damals „Ich will nicht, dass meine Kinder in einer solchen Welt aufwachsen.“ Aber eigentlich ist das falsch. Meine Kinder sollen in dieser Welt aufwachsen. In dieser Welt, die eines Tages wieder frei sein soll. In der sie sagen, schreiben und singen können, was sie wollen. Wenn sie davon überzeugt sind, das Richtige zu tun.

Das Problem mit der Meinungsfreiheit? Auch Pegida, Islamisten, christliche Homophobe und der rassistische Vollidiot von nebenan dürfen dann sagen, was sie wollen. Will ich das?

Unbedingt! Denn auch das sind Meinungen. Und wenn wir sie nicht teilen, müssen wir uns halt damit auseinandersetzen. Sie bekämpfen. Mit Waffen! Mit grobem Geschütz, das ihnen die verdrehten Köpfe wegblasen wird:  Mit unserer Stimme, unserem Stift, unseren Tastaturen!
Zwischen Beleidigung und Satire
Meine Kinder sollen aber auch in einer Welt aufwachsen, in der sie wissen, dass ihr Nachbar, der Moslem, nichts, ABER AUCH GAR NICHTS, mit den Attentaten von gestern zu tun hat. Weder er noch seine Religion. Sie sollen in einer Welt aufwachsen, die unterscheiden kann zwischen einem Verbrechen und einer Religionslehre. Zwischen Verrückten und Gläubigen. Zwischen böse und gut. Zwischen Beleidigung und Satire. 

Dies ist die Welt, die ich mir für unsere Kinder wünsche. Für die 12 Menschen, die gestern im Namen der Meinungsfreiheit ihr Leben lassen mussten. Und für alle, die sich heute wieder mit Stift und Tastatur an ihren Schreibtisch setzen, um diese Freiheit zu verteidigen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke, Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen!

Bisaelle hat gesagt…

Danke! Mir ist es auch schnell im Sinn gekommen "wieso haben wir drei Kinder zu dieser Welt gebracht?" Sie bringen genau der Punkt... Wir haben versucht, es mit der Meinungsverschiedenheit zu erklären und so beizubringen, dass man es immer mit diskutieren, schreiben, zeichnen verteitigen soll, nicht mit Waffen. C'est bon pour les lâches, les faibles, bref les cons!

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