Dienstag, 21. April 2015

Natürlich wollen Mütter arbeiten!





Wenn man sie dann lässt. Das beweisen ganz viele Mompreneurs täglich. Und ihre Überstunden bezahlt ihnen keiner.


Mit reisserischen Headlines wie "Wollen Mütter lieber Familie als Karriere?" oder "Viele Mütter wollen nicht arbeiten" will man uns glauben machen, Mami sei eigentlich ganz happy damit, keine beruflichen Chancen mehr zu haben, sobald die Kinder da sind. Sie will es ja eigentlich auch gar nicht wirklich.

Natürlich gibt es sie. Die Mütter, die keine Lust haben, sich den Doppelbelastungsstress anzutun, auch und vor allem, weil sie es sich leisten können. Sie bleiben ein paar Jahre zu Hause mit ihren Kindern und "dann sehen wir weiter". Kinder erziehen und den Haushalt schmeissen kann schliesslich auch zum Fulltimejob mutieren. Ich kenne selber welche und ich unterstütze jede Mutter, die - zusammen mit ihrer Familie - diesen Weg gewählt hat. Als Arbeitgeberin habe ich auch schon solche erlebt, die dachten, sie möchten arbeiten, es im Alltag aber bereuten. Auch ok, es war ja ein Versuch wert.

Die anderen
Aber es gibt eben auch andere. Jene Mütter, die nie daran gedacht hätten, dass ihre Karriere eine solche Vollbremsung reissen würde, nur weil jetzt Kinder da sind. Oder die Mütter, die eben nicht schon in der 20-sten Schwangerschaftswoche wussten, ob sie nun weiterarbeiten oder zu Hause bei ihrem Baby bleiben wollten. Denn was so ein Baby mit sich bringt, weiss man eben erst, wenn es da ist. Diese Mütter wollen weiter- oder wiederarbeiten, da können die Zeitungen noch lange dagegenhalten. Wieso ich das weiss? Weil es überall zu hören und zu lesen ist. Und weil ich sehr viele davon kenne.


Gerade letzte Woche berichtete eine Mutter im Mamablog des newsnetz' anonym - und das sagt ja schon enorm viel über die Problematik aus - sie wolle durchaus noch Karriere machen, aber obwohl ihre Tochter bereits 15 (und sie erst 39) Jahre alt ist, stehe die Kinderfrage immer noch im Raum. Wie die Tochter betreuen und gleichzeitig vernünftig arbeiten? Etwas, was ihre männlichen Kollegen - auch Väter - NIE gefragt wurden. 

Das ging uns allen früher oder später so. Als ich meinen ersten Job nach der Babypause hatte, wurde ich regelmässig, vor allem von Frauen, gefragt, wo denn mein Kind sei, während ich arbeite. "Im Auto", "im Keller", "in der Tiefkühltruhe" waren nicht selten Antworten, die meinen Kolleginnen entgegengeschmettert kamen, einfach weil es nervte, dass man mich das überhaupt fragte. Die Väter wurden doch nie gefragt, wo denn ihr Nachwuchs untergebracht sei. Auch nicht, ob es für sie überhaupt ginge, eine Sitzung um 17.00 Uhr zu leiten. Zugegeben, das war vor fast 10 Jahren, ich hoffe sehr, dass das heute besser ist.

Der logische Schritt
Wissen tu ich es aber nicht, denn ich bin nicht mehr in diesem Berufsleben aktiv, wo ich mich rechtfertigen und erklären muss. Da jene Sitzungen eben immer gerne an Tagen oder Zeiten abgehalten wurden, die ich für meine Familie reserviert hatte, machte ich mich kurzerhand selbständig. Ich und viele andere. Gemäss Statistik ist jede vierte Neugründung ein Mompreneur-Unternehmen. Der Fokus ist klar: Flexibilität, seine eigene Chefin sein und den Luxus geniessen, nicht Hauptverdienerin zu sein. Dem Aufbau eines Unternehmens steht nichts im Weg.


Aber wer jetzt glaubt, Mamis täten einfach ihrem Hobby fröhnen und nennen es arbeiten, irrt gewaltig. Mompreneurs arbeiten. Praktisch rund um die Uhr. Denn neben der Firma wollen die Kids ja weiterhin versorgt, der Haushalt weiterhin geschmissen werden. Eine Mompreneurin hat in der Facebook-Gruppe "(net)working moms" vor ein paar Wochen die Frage gestellt, wie denn ein solcher Arbeitstag bei jeder einzelnen aussehe. Die Antworten darauf waren umwerfend:
Arbeitsbeginn zwischen 3.00 & 4.00 Uhr. (morgens!)
7:00 Uhr Kids (8&10) wecken, frühstücken, haushalten, 8:00-11:15/30 arbeiten, Zmittag kochen,
13:00-15:30/16:30 Arbeiten, 15:30/16:30 Ufzgi mit den Kids, Zvieri, Haushalt, 17:45 Abendessen, 20:00 Feierabend.

Wochenplan (Kids: 5J. und 1J.):
MO – FR: Aufstehen 6h, Mails, FB, Insta check…, Frühstück vorbereiten.
Kinder wecken, anziehen etc., 7h20 Frückstück, 7h50 los zum KiGa (Am DI läuft sie mit Papa und 2x pro Woche noch mit den Nachbarn)
MO und DO 9 – 18 bin ich den ganzen Tag im Atelier, die Kinder sind von meinen und den Schwiegereltern betreut. Was ich super finde!! WIN WIN Situation… Und das Abendessen gibts dann auch noch gleich gekocht!!
DI Nami, die Grosse hat KiGa, danach meinstens Familytime
DI, MI, FR Arbeite ich unregelmässig, wenns grad geht, mein Mann zu den Kids schaut, wenn die Kleine schläft. Manchmal springen die Grosis ein, wenns grad viel ist.
MI und FR Abends mind. 1–2h. Andere Abende nach Bedarf. 
MI Mittag essen beim Urgrossvater in der Altersresidenz! Schön! Kleiner Nebeneffekt, ich muss nicht kochen und nicht die Küche aufräumen.
MO – SO: 18h Abendessen
20h Kids im Bett

7.00 Aufstehen, Kurzen (5.5 J) parat machen, Frühstücken, 8.15 Schulbus, bis 9.00 laufen/walken/stepper (mein "Arbeitsweg", sehr wichtig um im Kopf auf "arbeiten" umzustellen)
9.00 - 10.00 Büro/Marketing/Anfragen beantworten
10.00 - 11.00 kleine Aufträge bearbeiten, Bloggen o.ä.
11.00 - 12.00 Blitz-Haushalt, Kochen, Kurzen abholen
12.00 - 13.00 Mittagessen, Pause, Küche machen
Nachmittag:
Mo & Do (+ Samstag ganzer Tag): Aufträge, grössere Projektarbeiten
Di, Mi & Fr: Nachmittagsprogramm mit Kurzem, wenns drinliegt Fachliteratur lesen o.ä.
18.30 Znacht kochen
19.00 Znacht und danach Abendprogramm mit der Familie
Soweit die Theorie, in der Praxis sitze ich dann doch abens noch öfter mal am Computer
Haushalt wird am Abend nach dem Znacht zusammen erledigt. Am Abend im Schnitt alle 2 Wochen mal eine Sitzung für Einwohnerrat, div. Kommissionen, Kinderort-Vorstand, Schulkommission

Ich (4 Kinder) arbeite zw. 7:30 und 8:30 vom HomeOffice, spiele dann noch mit den Kindern und gehe um 9-12:30 ins Lager Versand machen. Nachmittags zw 14:00 und 16:00 HomeOffice mit den Kindern zw. den Beinen, dann zw 20:30-22:30 oder länger ohne Kinder Office (Buchhaltung, neue Produkte erfassen, Mails beantworten, neue Produkte mit Partnerin via Chat diskutieren) - Sa, So hole ich Dinge nach, wenn mein Mann die Kinder beschäftigt, Mo-Fr habe ich ein Aupair.

Ich stehe um 6.30 auf. Alle Kids bereit machen für Schule. Von 8:00 bis 9:00 Haushalt. Dann arbeiten im Atelier (zu Hause) bis 11:15. Zwischendurch mache ich Wäsche. Danach koche und esse ich mit den Kids bis 13:00. Dann arbeiten bis 17/18:00. Alle Kids sind dann zu Hause. 18:30 Essen und Zeit mit Familie. Wenn der Kleine im Bett ist (20.00) noch ein bisschen arbeiten bis 22.00. Einkäufe erledige ich während die Kids beim Sport sind.
Und das geht nicht nur den Mompreneurs so, auch angestellte Mütter arbeiten nicht nur zu Bürozeiten. Verstehen Sie jetzt, wieso ich nicht mehr lesen will "Mütter wollen ja gar nicht arbeiten!"? Oder wie sehen Sie das?

Donnerstag, 9. April 2015

Die Sache mit dem Bereuen



#regrettingmotherhood geistert durch’s Netz. Was es mit dem Bereuen der Mutterschaft auf sich hat.

Kinder machen nicht glücklich – soweit, so bekannt. Studien gingen bis anhin aber nicht weiter als diese eine Feststellung. Mit #regrettingmotherhood, dem Hashtag, der dem Artikel in der Südeeutschen Zeitung folgte,  wird jetzt auf allen Kanälen das Ergebnis der einzigen Studie thematisiert, die der tiefgreifenden Frage nachgeht: "Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben?" Für die Studie wurden 23 Mütter befragt (die geringe Anzahl Befragter ist in meinen Augen nur eines der Probleme). Ihre Antwort? "Nein". Mehrheitlich.

Haben Sie schon mal bereut, Mutter zu sein? Ich schon. Immer wieder ein paar Minuten, einen halben Tag, eine Woche lang. Wenn ich wiedermal eine Offerte schreibe für ein romantisches Hotel auf Mauritius zum Beispiel. Dann male ich mir aus, wie schön es mit meinem Mann da wäre. Und dann fällt mir ein, dass ich noch etwa 10 Jahre warten muss, bis ich mit ihm wieder alleine länger in die Ferien darf. Es gibt Tage, da bereue ich Mutter zu sein, nur weil ich nicht mehr spontan mit Freundinnen zum Apéro kann. Da trifft es sich gut, dass die meisten auch Kinder und ihre Spontanität ebenfalls zusammen mit der Plazenta abgegeben haben. Mittagessen kochen, Kleine Socken unter dem Sofa hervorholen, Nasenpopel vom Boden wegkratzen, das langgezogene Wort „Maaaamiiii?!“ gefühlte 3 Mio. mal täglich hören.... Die Liste ist lang. 

Folgenschwere Entscheidungen bereuenIch plädiere hier keineswegs für die Einstellung „Kinder sind das Beste, was mir je passiert ist.“ Wie Sie Ihre Lebensziele, Ihre Zufriedenheit definieren, geht mich nichts an. Dies ist kein Text zum Thema „Es ist schwer Mutter zu sein, aber...“ Vielmehr stört mich bei der Diskussion zum Hashtag die generelle Einstellung, die wir – ja, ich auch – heute haben: Ich treffe eine lebenslange, folgenschwere Entscheidung – nämlich, die, Kinder zu kriegen – und merke dann, dass es doch nicht so toll ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Also bereue ich es und denke, ich hätte lieber keine Kinder haben sollen. 

So werden in besagtem Artikel in der Süddeutschen israelische Mütter zitiert (die Studie stammt von der israelischen Soziologin  Orna Donath), „ihre Mutterschaft hätte ihrem Leben nichts hinzugefügt – ausser Schwierigkeiten und ständige Sorge. (Tirtza, 57) Oder Charlotte, 44, meint gar, sie ziehe aus ihrer Mutterrolle keinerlei emotionalen Gewinn. Eine weitere beklagt sich, sich unfrei zu fühlen, das Alleinsein zu brauchen, wie die Luft zum atmen. Das sind sehr traurige Feststellungen und ich möchte nicht in der Haut dieser zutiefst unglücklichen Frauen stecken. Denn in erster Linie sind sie das: Frauen. Dass Kinder sie nicht so glücklich gemacht haben, wie sie erst dachten, ist ein Zufall. Es hätte ja auch der Partner, der Wohnort oder ihre Figur sein, die sie unglücklich macht.

Mütter auf dem MondNun. Wer mich kennt und liest, weiss, dass ich keine Supermami bin, die dem Muttersein nur Gutes abgewinnen kann. Ich habe mein Firma unter anderem gegründet, um täglich etwas Interessanteres zu tun, als mich „nur“ um die Kinder zu kümmern. Ausserdem bin ich sehr dafür, solche Tabuthemen auf den Tisch zu bringen, schliesslich schwebt uns gerade in der Schweiz immer noch dieses klebrig-süsse Image des „Mamis“ vor, das für die Kinderlein alles opfert. Dieses soll und muss über den Haufen geworfen werden. 

Aber zu behaupten, ich würde mit dem Wissen, dass ich heute habe, in einem anderen Leben keine Kinder haben wollen? Im Gegenteil! Heute weiss ich, dass vieles, was ich mir vor den Kids vorgestellt habe, einfach nicht realistisch ist. Vielleicht wäre ich in einem anderen Leben etwas cooler, gelassener und würde von Anfang an auch an mich denken. Nicht erst kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

Ich frage mich halt, wie sich diese 23 Mütter ihre Mutterschaft denn vorgestellt haben? Wir leben ja nicht auf dem Mond, auch in Israel nicht. Es ist nicht so, dass man gar nichts hört, es gibt Bücher, Internetseiten, Blogs und ja, auch andere Mütter. Hier behauptet der Artikel zwar, die seien eben die Schlimmsten, weil sie den Mythos der rosigen Mutterschaft untermauern, indem sie nie und nimmer zugeben würden, dass Mami sein manchmal zum Kotzen ist und man die Kinder sehr oft am Liebsten an die Wand klatschen würde. Diese Erfahrung kann ich nur mässig teilen. Ich kenne fast nur Mütter, die sehr wohl zugeben, dass sie manchmal überfordert, übermüdet, angeödet und einfach nur fertig sind. Die meisten geben zu, dass ihre Kinder manchmal richtige kleine A...löcher sind. Mit den anderen verkehre ich einfach nicht.

Aber zurück zu den Erwartungen an die Mutterschaft: Kriegt man denn heute Kinder, ohne sich vorher ein wenig zu informieren? Geben ich „Kinder kriegen“ in die Suchmaschine ein, kommen lauter Texte über den richtigen Zeitpunkt, Tests „Sind Sie bereit?“ und Artikel darüber, ob man überhaupt Kinder haben soll. Ausserdem hat man im Idealfall ja einen angehenden Vater, mit dem man vielleicht diskutieren sollte, wie man sich die Elternschaft und die Erziehung denn so vorstellt. 

Und wenn die Kinder da sind? Dann sind sie da. (Ein weiteres Problem: Wieso noch ein Kind in die Welt setzen, wenn man beim ersten schon bereut, Mutter geworden zu sein?) Und sie haben sich ihre Mütter / Eltern nicht ausgesucht. Sondern umgekehrt. 

Der Artikel schliesst damit ab, den Entscheid für Kinder zu bereuen, sei halt ähnlich, wie wenn man die Heirat bereut. Aber wie Mark Twain schon sagte: „In 20 Jahren wirst du enttäuschter sein von den Dingen, die du nicht getan hast, als von jenen, die du versucht hast.“

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