Montag, 26. Juni 2017

Im Auto mit Kindern: Experten-Tipps für stundenlangen Spielspass



„Wie beschäftige ich die Kinder auf dem Autorücksitz?“, „Wie komme ich gegen das ‘Wann sind wir endlich da?’ an?” Mittels einer Facebook-Umfrage hat das Team von "Snapkiz" bei den wahren Expertinnen, reiseerprobten Mamis, nachgefragt und die praktischsten Tipps und Ideen zur Kinderbeschäftigung im Auto für euch gesammelt. Diese garantieren stundenlangen Spielspass für die Kinder und eine entspanntere Autofahrt für die Eltern.

Da so viele interessante Ideen und Tipps eingegangen sind, entstehen daraus drei Beiträge jeweils zu einem Thema. Im ersten Beitrag geht es ums Organisieren und Packen.

Gut organisiert ist halb gewonnen…

Gemeinsam packen
Bereits die richtige Vorbereitung vor der Abfahrt hilft, dass der Spielspass während der Autofahrt länger anhält. Ist das Falsche gepackt, kommt rasch Langeweile auf oder es entsteht das Verlangen nach genau dem Spielzeugauto, das diesmal nicht dabei ist.

Am Besten beziehen die Eltern Kinder aktiv in die Reisevorbereitungen ein und nehmen sich die Zeit, gemeinsam eine kleine Tasche mit Spielsachen für unterwegs zu packen. Diese bietet meist Platz für ein paar kleine Sachen, so dass sich Kinder beschränken müssen. Damit sind Kinder jedoch nicht zum Verzichten gezwungen, sondern können selbst eine aktive Wahl treffen.

Sonntag, 25. Juni 2017

Slow Family? Chill's mal!



«Slow» irgendwas, wo man hinschaut. Ein Buch will uns das Rezept für die «Slow Family» geben. Wieso das Quatsch ist.

«Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern». Doch doch, ihr habt richtig gelesen.Da steht «einfach» und «Kinder» im selben Satz. «Slow Family» nennt sich der neue Stern am Erziehungsratgeberhimmel. Die Autorinnen propagieren darin die Entdeckung der Langsamkeit im Alltag, die familiäre Entschleunigung. «Slow» klingt immer gut. Entspannt, easy-peasy, nach wenig Aufwand und in der heutigen stressigen Zeit auch durchaus vernünftig. Doch kann man als Familie überhaupt «slow» leben?

Ich musste letzten Sommer schon schmunzeln, als in der NZZ ein Artikel zu «Slow Travel» erschienDarin beschrieb die Autorin, wie sie versucht hatte, möglichst ohne Druck und Stress eine Familienreise zu organisieren und anzutreten. Es ist ihr nur mässig gelungen. Was als idyllische Reise ohne konkretem Ziel begann, endet so: «Wir haben keine Ahnung, wo es schön ist (weil wir keinen Reiseführer gelesen haben). Das Auto gleicht einer neapolitanischen Müllhalde, die Lebensmittel in der Kühlbox sind verdorben, und wir wollen nichts sehnlicher als ankommen. Doch es scheint wie verhext, die einen Campingplätze, die hier Auto-Camp heissen, sind voll. Die anderen haben keinen Schatten oder sind an der Schnellstrasse. Obwohl wir während der ganzen Reise keine Stunden oder Kilometer gemessen haben, rechneten wir, bei der Abfahrt in Italien am frühen Morgen, mit nicht mehr als einer Fahrt von drei Stunden. Am Ende fahren wir bis zum Abend in der Gegend umher.» Klingt nicht sonderlich entspannt, finde ich.

Beim Lesen dieses Artikels und beim Durchblättern von «Slow Family» (nicht dieselben Autorinnen) frage ich mich immer wieder: Wozu? Wozu sich vornehmen, es langsam anzugehen? Um dann dennoch nach einem Fahrplan einen auf «Slow» zu machen? Ist es nicht genauso stressig, wenn man unbedingt möglichst wenig machen soll? Möglichst wenig Gepäck mitnehmen, möglichst achtsam leben, möglichst unkompliziert kochen – aber bitte bio und «slow» - und natürlich die Kinder möglichst wenig unter Druck setzen, dafür aber «Zauber» in ihr Leben bringen? Was ist daran entschleunigend?
Wir werden als Familie oft gefragt, wie wir das gemacht hätten, dass wir bspw. am Wochenende seit einigen Jahren schon ausschlafen und sich die Kids selber beschäftigen. Oder wie das geht, dass beide Kinder gerne am Strand rumliegen und lesen. Auch gehören wir zu den Vielreisenden, die jedes Mal sehr viel weniger von einem Land sehen, als andere, die täglich Kilometer auf sich nehmen, um das GANZE Land zu sehen. Wieso das so ist? Seit «Slow Family» habe ich mir das überlegt und komme zu einem ziemlich ernüchternden Schluss: Weil wir faul sind. Sooo faul. Als Familie, als Reisende, als Köche.

Bei uns scheint alles so unkompliziert, weil wir keine Lust auf Anstrengung haben. Weder beim Reisen, noch beim Kochen und schon gar nicht in der Erziehung. Seit Social Media scheint es mir nämlich noch frappanter: Während andere Familien am Wochenende in die Berge, Vergnügungs- und Aquaparks der Schweiz fahren, liegt die Familie Sassine im Garten rum. Wenn die Kids genug davon haben, gehen sie raus und spielen mit anderen Kindern (sofern diese nicht in den Bergen, Vergnügungs- oder Aquapark sind). Das Höchste der Gefühle ist ein wenig Gartenarbeit oder sonst etwas, das es zu flicken oder zu erledigen gibt. Manchmal raffen wir uns sogar dazu auf, mit den Kids Karten zu spielen. Bis sich diese sicher wieder auf den Liegestuhl legen wollen. Velotouren oder Wanderungen gibt es bei uns auch, aber das gehört zu den seltenen Ausflügen. So ist es für unsere Kinder schon ein riesiges Highlight wenn wir zu Freunden fahren, die einen Pool haben.
Ob ich ein schlechtes Gewissen habe? Ja, manchmal. Andere Kinder unternehmen viel mehr. Wir kompensieren das in den Ferien (wofür hat man denn ein Reisebüro?) und sind dann öfter unterwegs. Aber auch da: Während andere in zwei Wochen alles, jede Sehenswürdigkeit, jeden Fun-Park und jeden Strand erkunden, bereisen wir gerade mal einen Bruchteil eines Landes. Und kommen zurück nach Hause mit Lust auf mehr.
Mein Fazit? Faul sein macht aus einer Familie eine «Slow Familie».Ausserdem spart es Geld und Nerven. Ob ich ein Buch darüber schreiben werde? Nein, dazu bin ich eben auch zu faul.
Buch «Slow Family – Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern». Julia Dibbern, Nicola Schmidt: Slow Family. Beltz, 2017. Ca. 23 Fr.

Dieser Artikel erschien erstmals auf wireltern.ch

Sonntag, 18. Juni 2017

Dicke sind hässlich!



Wenn kindliche Vorbilder – wie Trickfilme – dieses Image verbreiten, haben wir ein Problem.

Nein, ich lebe nicht auf dem Mond. Auch mir ist aufgefallen, dass in unserer westlichen Welt mit ein paar wenigen Ausnahmen die Gleichung gilt «dünn=schön». Bis heute habe ich die Medien und Modehäuser dafür verantwortlich gemacht. Wenn ein Klatschmagazin Promis mit nackten Beinen mit der Schlagzeile «Die Dellen-Queens» zeigt, sind wir auf einem Tiefpunkt angelangt, bei dem ich im Moment echt nicht weiss, wie wir wieder hochkommen sollen.

Im Zeitalter des modernen Feminismus und der Plus-Size-Models, in dem Frauen tun und lassen sollen, was sie wollen, sind solche Aussagen unter aller Sau. Ich will und kann meinen Körper so haben wie ich will und ja, Inside kann mich mal. Von solchen Käseblättern erwarten wir schliesslich nicht mehr, sowas verkauft sich vielleicht sogar.

Für alle, die keine molligen Kinder haben (und denen es ev. deshalb noch nicht aufgefallen ist): Dicke wurden schon immer in Filmen, Büchern, Serien etc. als entweder dümmlich oder fies dargestellt. Sie sind der Bully der Schule oder die Hässliche, die nicht zu den It-Girls passt. Als halbwegs schlankes Kind ist mir das damals nie aufgefallen. Seit ich eine Tochter habe, die runder als der Durchschnitt ist, fühlt es sich jedes Mal an wie eine Ohrfeige. Der Blick meiner Tochter zerreisst mich jedes Mal, denn offenbar darf sie sich nicht mit der hübschen Blondine – meist die Heldin – identifizieren, sondern mit der doofen Dicken. Tut sie gottseidank nicht, da sie (noch) ein gesundes Selbstbewusstsein hat. Dennoch gibt es immer diesen Moment, wenn ihr die Diskrepanz zwischen den Charakteren auffällt und sie das manchmal auch laut bemerkt. «Immer sind die Dicken die Doofen». Da können wir uns noch lange Mühe geben, um unsere Kinder frei von Druck in Bezug auf ihren Körper zu erziehen: Hollywood-Komödien machen alles kaputt.
Wir sind alle verschieden und das ist gut so. Weiss, braun, schwarz, blond, rot, braun, gross, klein, dick, dünn, anständig, weniger… Alles ok. Und als ich das neue Schneewittchen zum ersten Mal sah, habe ich mich schon gefreut. Das Produktions-Team bei CGI macht einen Film, der zeigt, dass auch kleine runde Frauen Heldinnen sein können. Doch obwohl sich diese Produktion «Diversität» auf die Fahne schreibt, senden Werbung und Trailer gleichzeitig eine himmeltraurige Botschaft: «Dicke sind hässlich bzw. können nur innen schön sein.» «Red Shoes and seven Dwarfs». In diesem neuen Streich gibt es zwei Versionen von Schneewittchen, eine grosse schlanke und eine kleine, dickere. Soweit, so gut, mal was anderes. Doch was sich das Marketing-Team dabei überlegt hat, als sie auf den Plakaten den Zusatz erfanden «Was wäre, wenn Schneewittchen nicht mehr so schön und die Zwerge nicht so klein wären?», ist mir dann eben schleierhaft. «Nicht so gross, nicht so bemutternd, nicht so naiv.» Alles o.k. Nicht so schön? In einem Kinderfilm? 2017? Meh…
Die sozialen Medien liessen natürlich nicht lange mit Kritik auf sich warten: Das fragten sich ebenfalls viele Kommentatoren – darunter das Plus-Size-Model Tess Holliday - , warum es in irgendeiner Form okay sein sollte, Kindern zu vermitteln, dass dick = hässlich ist.
Gute Frage! Doch nicht nur die Plakate, noch schlimmer ist der erste Trailer zum Film. Darin verstecken sich die Zwerge unter dem Bett und Schneewittchen beim Ausziehen beobachten (im Ernst? Voyeurismus ist ja so witzig!) und dann angeekelt schockiert schauen, als sich diese in die mollige Version verwandelt (die natürlich rülpst, denn Dicke sind eklig). Wieviel hier falsch gelaufen ist, ist kaum auszuhalten. Gewicht als ausschlaggebender Faktor für Schönheit. Grossartig! Und so innovativ!
Ich kenne das verantwortliche Marketing-Team nicht. Meines Erachtens haben diese Menschen jedoch keine übergewichtigen Kinder, sonst wäre ihnen die Grausamkeit aufgefallen. Aber das gilt wohl für alle, die «anders» sind. Ich weiss nun nicht, wie das sein wird, diesen Film mit meiner Tochter zu schauen. Falls sie das überhaupt will. Sie fühlt sich nämlich (noch) nicht hässlich. Ist sie ja auch nicht. Im Gegenteil!

Dieser Text erschien erstmals auf wireltern.ch

Montag, 1. Mai 2017

Vollzeit arbeiten als Mutter?



Kann man. Die Frage ist nur, zu welchem Zeitpunkt.

«Mütter sollten drei Jahre Babypause machen». Dies der Titel zu einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), im Spiegel von letzter Woche. Danach sollten Mütter gemäss 56 Prozent der befragten Frauen Teilzeit arbeiten. Und erst, wenn das Kind 7 Jahre als ist, wieder voll erwerbstätig sein. Abgesehen von meinem Ärger darüber, dass wieder nur über Mütter gesprochen wird, lautet meine Schlussfolgerung: Diese Menschen haben wohl keine Kinder!

Ich gehöre zu den glücklichen Müttern, die sich selbst aussuchen konnten, wie lange ihre Babypause dauert. Meine erste war länger als erwartet, einfach weil der Jobmarkt für mich damals nichts hergab. Nach über 18 Monaten fand ich endlich wieder einen Job und einen Krippenplatz für den Kleinen. Meine zweite Babypause war gar keine, da ich bereits selbständig war und immer wieder arbeiten konnte. Ebenfalls mit Krippenplatz und grosser Unterstützung der Nonna (ohne Nonna liefe bei uns sowieso nicht viel).


Bis zum Kindergarten war es also kein Problem, zu arbeiten - ausser manchmal finanziell, ein Krippenplatz ist gerade mit unregelmässigem Einkommen kein Zuckerschlecken. Auch im Kindergarten konnten wir uns gut organisieren, da wir in ein Dorf zogen, in dem eine Tagesschule die Betreuung garantierte. Die Kinder waren stets gut versorgt und «gefüttert», mal mehr, mal weniger - manchmal auch bis abends.
Viel schwieriger fand ich dann jedoch die Schulzeit. Die Tagesschule war natürlich immer noch praktisch, aber ab der 1. Klasse eigentlich nur noch für’s Mittagessen gut. Denn die Schule, die damit einhergehenden Sorgen und die Hausaufgaben brachten diverse Komponenten mit sich, mit denen ich nicht gerechnet hatte: Meine Kinder brauchten meine Anwesenheit wieder viel öfter! Nicht, weil ich ein überfürsorgliches Mami bin, die bei den Hausaufgaben daneben sitzen muss. Aber schlicht, weil sie Hilfe brauchten, nicht immer verstanden, was sie tun müssen und eine Präsenz (das konnte auch ihr Vater sein) schätzten, um Fragen zu stellen oder einfach da zu sein. Auch wenn es auf dem Schulweg wiedermal gekracht hatte.

Natürlich werden jetzt viele argumentieren, dass kleine Kinder diese Präsenz genauso, wenn nicht noch viel mehr, brauchen. Das mag sein und kommt wohl sehr auf das Kind an (denn um Kritiken gleich vorwegzunehmen: meine Kids wurden nicht vernachlässigt und wir haben ein tolles Verhältnis. «Chillt’s mal» würde mein Teenager-Sohn dazu sagen). Ich rede ja auch nur vom praktischen Standpunkt. Zu welchem Zeitpunkt die Kinder ihre Eltern «brauchen». Der ist im Schulalter meines Erachtens nämlich mindestens so wichtig wie im Kleinkindalter, wo sie einfach «betreut» werden müssen.
Deshalb komme ich zum Schluss, dass die befragten Menschen in obiger Studie entweder noch keine Kinder haben, oder zumindest noch keine schulpflichtigen. Denn sonst wüssten sie, dass eine Vollzeitstelle ab Schulbeginn der Kinder gar nicht so logisch ist, wie es sich im ersten Moment anhört. Viel logischer wäre folgende Reihenfolge: Vollzeitstelle nach einem Jahr Babypause bis das Kind ca. 4 Jahre alt ist. Danach Teilzeitstelle und ab der 3. Klasse am Besten Home Office (wer das überhaupt kann). Auch bekannt als: «Kleine Kinder, kleine Sorgen, grosse Kinder, grosse Sorgen.» Oder finden Sie, man solle Teenager unbedingt jeden Nachmittag alleine zu Hause lassen? Eben.
Dieser Text erschien erstmals auf wireltern.ch

Mittwoch, 5. April 2017

Kinder, prügelt euch!



Doch, das meine ich genauso! Es ist nämlich normal, wenn Kinder sich ab und zu auf die Köpfe geben. Nur wir Erwachsenen sehen das anders.
Allen voran die Schule. Wir mussten ein paar Mal an eines dieser ominösen Elterngespräche, an denen «Gewalt» thematisiert wird. Hierzu muss ich vorausschicken, dass wir im Barbapapaland leben, auf dem Land. Keine wirklichen Probleme, keine Drogen, keine Banden, kein (echtes) Mobbing, keine wirkliche Gewalt. Aber wir haben Kids, die einander regelmässig auf die Nerven gehen. Und sich dann manchmal prügeln. Wenn man sie dann lässt.
Versteht mich nicht falsch: Gewalt ist keine Lösung. Dieses Mantra leuchtet mir durchaus ein. Nur, was ist Gewalt? 5 Kinder, die auf eines einschlagen. Check. Gewalt. Ein Kind, das ein anderes mit dem Stock verprügelt. Check. Gewalt. Ein älteres Kind, das auf ein jüngeres losgeht. Keine Frage. Gewalt.
Die Situation ist aber meist die, dass zwei gleichaltrige (in unserem Fall mehrheitlich Jungs) aufeinander losgehen, weil sie sich schon tagelang gegenseitig piesacken und es einem der beiden irgendwann zu viel wird. Der eine macht seiner Wut Luft und geht auf den anderen los. Es fliesst kein Blut, es wird nur laut und heftig.
Das geht nicht. Die Hausordnung besagt, keine Gewalt auf dem Schulareal. Verständlich, wo kämen wir da hin, wenn es einfach ok wäre, sich zu prügeln, wie etwa kurze Hosen zu tragen? Dennoch: Muss man/die Schule/wir Erwachsenen immer gleich eingreifen? Ist es nicht so, dass es nach dem Sturm oft wieder ruhiger wird? Der Gepiesackte ein Zeichen setzen konnte «So nicht, nicht mit mir!»? Der Piesackende erst einmal Ruhe gibt?
Ich finde schon. Und Caroline Mörki, Eltern- und Erwachsenenbildnerin bei der Familienberatungsstelle Familylab auch. Im aktuellen Migros Magazin erklärt sie «Diese Gefühle (Wut) werden tabuisiert, man gibt ihnen kaum noch Raum.» Dabei erfüllten Aggressionen wichtige Funktionen wie etwa zu verstehen, dass man so nicht weiterkommt. Aber das müssten die Kinder eben selber lernen, es nützt nichts – oder ist gar kontraproduktiv – wenn man die Kinder immer bremst und sie dazu auffordert, ihre Wut mit Worten auszudrucken.
Es tat so gut, heute Morgen diese Aussagen zu lesen. Als Mutter, die durchaus damit leben kann, dass ihr Sohn (die Tochter tut es nicht, ist nicht genderspezifisch, ich habe mich oft geprügelt, ist wohl Charaktersache) sich ab und zu prügelt, wenn es ihm zu viel wird, werde ich schnell abgestempelt. Als lasch, ich erziehe meine Kinder nicht etc. Mir ist übrigens durchaus bewusst, dass meine Kinder keine Engel sind. Ich habe nur nichts dagegen, dass sie sich wehren, wenn es sein muss, auch mal physisch.
Auch gehören wir nicht zu den Eltern, die andere Eltern anrufen, wenn es mal vorkommt, dass unsere Kinder die «Opfer» sind. Denn – solange es nur ab und zu ist – auch damit müssen Menschen klarkommen. Und wie bitte schön, sollen die Kids lernen, sich Respekt zu verschaffen, wenn immer wir Eltern eingreifen?
Wir haben in der Schule übrigens nachgefragt, wie oft das denn vorkäme, dass sich unser Sohn «physisch äussere». «Nicht mehr als zweimal im Jahr» war die Antwort. Finde ich ehrlich gesagt kein schlechter Durchschnitt. Interessanterweise geht es den Eltern des anderen Kindes genauso.

Dieser Text erschien erstmals auf wireltern.ch.

Montag, 20. März 2017

Wahre Männer sind Feministen



Was können Männer tun, um eine sexistische Kultur zu verändern? Ich hätte da 10 Tipps.

Es wurde viel gesagt über den Weltfrauentag letzten Mittwoch. Oft las man, es gehe um uns Frauen, um unsere Töchter und deren Zukunft. Was natürlich stimmt. Aber sind deshalb nur wir Frauen gefragt, um ein Umdenken herbeizuführen? Natürlich nicht! Umso mehr hat es mich gefreut, letzte Woche in meinem Facebook-Feed viele männliche Freunde und Bekannte zu lesen, die sich genauso für Feminismus einsetzen. Denn dafür muss man ja keine Frau sein, richtig?


Nochmal zur Erinnerung: Feminismus bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass Frauen gleiche Rechte und Pflichten wie Männer haben sollen und entsprechend behandelt werden wollen. Was in der Verfassung bereits vorgesehen ist, in der Praxis aber noch zu oft nicht gelebt wird. Letztes Beispiel nur ein paar Tage nach dem Weltfrauentag: Amal Clooney, brilliante Menschenrechtsanwältin landet in den Medien, nicht etwa, weil sie vor den Vereinten Nationen über Genozid spricht, sondern weil sie ein Babybäuchlein hat und sich Zeitungen ernsthaft fragen, ob High Heels in der Schwangerschaft gesund sein können.
Dass sich Feminismus nicht auf’s Stricken von Pussy-Hats und Demonstrationen beschränkt, ist allen klar. Feminismus beginnt zu Hause, bei sich. Wir Frauen wissen, was es zu tun gibt. Was aber können Männer konkret bewegen, damit unsere Kultur die Gleichberechtigung als gegeben erachtet? In ihrem Umfeld, zu Hause, bei der Arbeit? Ich hätte da schon ein paar Ideen:
1. 50% (oder mehr) des Haushaltes bewältigen.
Immer. Auch die unangenehmen Tasks. So, dass auch eure Kinder merken, dass Putzen, Waschen und Bügeln nichts mit Chromosomen oder Geschlechtsteilen zu tun hat, sondern dass es notwenige Übel sind, welche halt erledigt werden müssen.
2. 50% (oder mehr) der Organisation übernehmen.
Der Haushalt ist nur ein Teil der Dinge, die Frauen tagtäglich für ein funktionierendes Heim übernehmen. Es gibt tausend kleine und grosse Dinge, die ebensowenig vom Geschlecht abhängig sind, wie Wäsche zusammenlegen. Den Arzttermin vereinbaren und mit dem Kind hingehen, das Geschenk für’s Geburtstagskind (oder sonstige Verwandte) besorgen (und sich überlegen, was man schenken könnte). Den Babysitter organisieren, damit der Ausgang zu zweit wiedermal klappt. Und und und.
3. Eingreifen, wenn du Sexismus erkennst.
Wenn Arbeitskollegen sexistisch daherreden, darfst du das ruhig kritisieren und sie auf ihre Beschränktheit aufmerksam machen. Dies gilt auch für den Typen im Bus, der dieser jungen Frau einen dummen Spruch vor die Füsse wirft. Oder der eigenen Mutter, wenn sie kritisiert, die Schwiegertochter sei halt schon nicht so häuslich. Oder an einem Abendessen bei Bekannten nur Frauen die Männer bedienen. Es wird nicht einfach, aber eine Reaktion wird haften bleiben. Vor allem, wenn sie von einem Mann kommt. Auch online übrigens.
4. Sexismus anerkennen.
Oft ist das Erkennen schwierig. Wenn eine Frau dir also sagt, etwas ist sexistisch, spiele es nicht runter, sondern glaube ihr einfach.
5. Müssen wir über sexuelle Einwilligung diskutieren?
Ein nein ist ein nein. Mehr gibt es nicht zu sagen.
6. Kümmere dich (auch) um die Verhütung.
Es braucht immer zwei. Nirgends ist das so wahr wie beim Kinder zeugen oder Geschlechtskrankheiten verbreiten. Also bitte. (Und wenn wir gerade dabei sind: Lass dich gegen HPV (Gebärmutterkrebs) impfen. Nicht weil du eine hast, aber weil du den Krebs bei einer Frau verursachen könntest. Dochdoch.)
7. Ihr habt Kinder? Sei ein Vater!
Solange es keinen Vaterschaftsurlaub gibt, nimm dir Ferien, wenn das Baby kommt. Übernimm Verantwortung in der Erziehung und im Familienalltag. Wenn du viel mehr ausser Haus arbeitest als deine Frau, schau dennoch, dass du die Kinder aufwachsen siehst, mit ihnen spielst, ihnen vorliest, sie badest und all die kleinen Dinge tust, die die Beziehung zu einem Kind aufbauen. Sie ist mindestens so wichtig, wie die Beziehung zu deiner Frau (welche ebenfalls leiden wird, wenn du dich all dem entziehst.)
8. Informiere dich über weibliche Vorbilder!
Seien das Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, CEOs, Filmregisseurinnen etc. Nimm sie wahr und somit die Tatsache, dass nicht nur die berühmten und viel zitierten Männer diese Welt ausmachen!
9. Anerkenne, was Frauen in deinem Leben alles bewerkstelligen.
Deine Mutter, deine Frau, deine Tochter. Und diskutiere es mit den Männern in deinem Leben.
10. Sag offen, dass du ein Feminist bist.
Nicht nur wirst du das Thema am Laufen halten, du wirst andere Männer darin bestärken, ihren (teils noch diskreten) Feminismus auszusprechen. Und vielleicht überzeugst du sogar den einen oder anderen Sexist, dass er falsch liegt. Du wirst nie männlicher rüberkommen als jetzt!
Feminismus ist ein F-Wort, dass auch Männer immer öfter gebrauchen. Denn wie schon Simone de Beauvoir richtig bemerkte: «Niemand ist Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der sich seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist.»
Dieser Text erschien am 15. März 2017 erstmals auf wireltern.ch 

Mittwoch, 8. März 2017

Liebe Mütter, feiert euch selbst!



Heute ist internationaler Tag der Frau. Nein, ich will nicht klagen, ich will Mut machen. Vor allem den Müttern.

Die Frauen sind da! An ihnen führt kein Weg vorbei. Spätestens nach Trumps Amtsantritt weiss es auch jeder Hinterste und Letzte: «So nicht!» «Nicht mit uns!» Wir haben genug davon, dass reiche, weisse, alte Männer darüber bestimmen wollen, was mit unseren Gebärmüttern, unseren Jobs, unseren Löhnen und unseren Familien geschehen soll.

Diese Themen sind aktueller denn je, überall wird plötzlich wieder darüber debattiert, ob eine Frau alleine entscheiden darf, ihren Embrio abzutreiben. Oder ob wir eigentlich gleich viel verdienen sollten wie unsere männlichen Kollegen. Und natürlich, ob wir überhaupt arbeiten sollten oder uns lieber – wie die Natur es gewollt hat – um unsere Kinder kümmern sollen. Wir werden als Emanzen beschimpft, viele – auch Frauen – sehen im Wort «Feministin» etwas, mit dem sie lieber nicht in Verbindung gebracht werden möchten, es könnte dem Image schaden.
Geht es euch auch so? Ich hatte mal das Gefühl, dass wir dies alles hinter uns gelassen hatten, dass wir gleichberechtigt waren. Ich hatte als 20-jährige nie das Gefühl, benachteiligt zu sein. Aber heute? Kommt es durchaus vor. Was sicherlich auch an meiner Rolle als Mutter – und nicht unbedingt als Frau – zu verdanken ist. Denn auf wirtschaftlicher Ebene sind es vor allem wir Mütter, die benachteiligt werden, sei das im Scheidungsrecht (je nach Fall), als auch bei der Arbeit. Einfach, weil wir auch noch einen Side-Gig haben: Unsere Kinder. (Welche ja meist auch Väter haben, aber bei denen verhält es sich ja bekanntlich anders, blabla…) Und weil wir diese nicht aus unseren Köpfen kriegen, arbeiten wir offenbar auch schlechter, weshalb uns niemand einstellen will.

Doch ich mache eben genau die gegenteilige Erfahrung: Mütter arbeiten BESSER als Väter/Männer. Sie sind effizienter. Mütter haben nicht die ganze Woche Zeit, eine Aufgabe zu erledigen. Meist beschränkt sich ihre Arbeit auf ein paar Tage die Woche und an denen müssen sie performen. Schuften, liefern und präsent sein. Anders als ihr Ruf, sind sie eben bei der Arbeit viel konzentrierter und entsprechend effizienter. So, wie sie zu Hause auch nicht lange mit den Kindern firlefanzen können. Dass Teilzeitmitarbeiter mehr leisten, ist übrigens nicht auf meinem Mist gewachsen, diverse Studien haben das bewiesen.

Deshalb mein Aufruf an alle Mütter: Traut es euch zu! Zeigt euren Arbeitgebern, was ihr drauf habt. Aber versteckt euch nicht, wenn das Kind halt mal krank ist und ihr zu Hause bleiben müsst. Denn auch das will organisiert sein. Seien wir ehrlich, die meisten Väter – (Teilzeit-Angestellte ausgeschlossen) wären doch masslos überfordert, wenn sie Job, Haushalt und Kinder unter einen Hut bringen müssten. Denn auch wenn alle behaupten, Multitasking sei nicht gut: Wir können es und können gar nicht mehr anders, richtig? Wer wird sonst das Geschenk für Levins Kindergeburtstag besorgen, der Schwiegermutter ihre Porzellanschüssel zurückbringen, der Kollegin nach ihren Ferien ein perfektes Kundendossier abgeben, das Wochenende mit den Freunden organisieren und nicht zuletzt ihre Haarwurzeln endlich wiedermal färben?
Ich weiss, dass wir alle immer so tun, als seien wir nicht perfekt und kriegten nie und nimmer alles unter einen Hut. Tun wir aber. Immer wieder. Und das muss heute gefeiert werden. Oder ihr geht demonstrieren, wie ihr wollt!
Und an die Männer: Vergesst den Muttertag, den Valentinstag: Feiert den internationalen Tag der Frau. Denn ohne sie wäre euer Leben sehr viel anstrengender. Ist so. Und ihr wisst das auch. (Und ja, euch feiern wir auch wiedermal, heute ist aber Tag der Frau. Pech.)

Donnerstag, 26. Januar 2017

Nein, du bist nicht gleichberechtigt!

Bildergebnis für women's march



Ein antifeministischer Post macht auf den sozialen Medien die Runde und hier ist meine Antwort dazu.

«I am not a 'disgrace to women'...» (Ich bin keine Schande für Frauen). So beginnt ein langer Post von einer Dame namens Lisa Dowell. Darin rechtfertigt sie sich, dass sie NICHT an den weltweiten Frauenprotesten, den Women’s March, von letztem Samstag teilgenommen hat.


Diese Märsche, welche offenbar zu den grössten Protesten der USA zählen, haben Millionen von Frauen und Männern auf die Strasse geholt. Protestiert wurde global gegen die «Politik» Trumps, insbesondere gegen seine Absicht, moderne Errungenschaften in Sachen Frauenrechte rückgängig zu machen. Dienstag wurde bspw. bekannt, dass er Finanzierungen von NGOs abschaffen will, welche die Familienplanung in Drittweltländern unterstützten. (Das ist für einen Republikaner nichts Neues, diese Finanzierungen werden bei jeder Regierung abgeschafft und wieder eingeführt). Aber da er bereits im Wahlkampf davon sprach, dass «Frauen, die abtreiben, eine Art der Bestrafung erhalten müssten», ist schwer davon auszugehen, dass er und sein Vize viele Rechte und Gesetze zurück ins Mittelalter befördern wird. Auch weil hinreichend bekannt ist, wie sehr er Frauen im Allgemeinen respektiert.
Diese Lisa Dowell also findet, wir Frauen (insbesondere die Demonstrantinnen), sollten uns mal nicht so anstellen. Schliesslich könnten wir alles tun und lassen, was wir wollten und hätten dieselben Möglichkeiten wie Männer auch. Es liege am Ende nur an uns.
Grundsätzlich bin ich ebenfalls der Meinung, dass wir keine Opfer zu sein brauchen. Doch was sie hier als selbstverständlich abtut, hat sie eben genau den Frauen zu verdanken, die dafür gekämpft haben. Wie letzten Samstag. Deshalb hier meine Antwort:

Ja, Lisa, du kannst eigenständige Entscheidungen treffen, sagen, was du willst, du wirst gehört, du kannst wählen, arbeiten, über deinen Körper entscheiden, dich und deine Familie beschützen. Dank Frauen, die vor dir für all das auf die Strasse gingen. Du wurdest mit diesen Rechten geboren. Selber hast du NICHTS dafür getan, profitierst aber von den vielen starken Frauen, die mitunter dafür gelitten haben und selber von diesen Rechten gar nie profitieren konnten. Und da sitzt du nun auf deinem hohen Ross, deinem privilegierten Ross und träumst von der erlangten und totalen Gleichberechtigung.
Lass dir gesagt sein, Lisa: Trotz jahrzentelanger Kämpfe, du bist nicht gleichberechtigt. Noch nicht. Es fühlt sich für dich vielleicht so an, doch du verdienst immer noch weniger als ein Mann in derselben Stellung. Du bist in vielen Berufen immer noch nicht willkommen.
Dein Uterus gehört dir immer noch nicht ganz, nicht überall auf dieser Welt (und schon gar nicht in den USA, wo du herkommst). Gerade heute wird wieder überall, auch in Europa, hitzig darüber debattiert, ob Abtreibung strafrechtlich verfolgt werden soll. Du hast immer noch nicht die Wahl, die Wahl zu haben.
Du bezahlst immer noch Steuern für grundlegende, genderspezifische Hygieneartikel.
Du fühlst dich immer noch nicht sicher, wenn du nachts alleine unterwegs bist. Denn du müsstest dich vor Gericht ja auch noch rechtfertigen, wieso du alleine und in dem Outfit unterwegs warst. Und betrunken? Ich bitte dich!
Die Tatsache, dass du Mutter wirst, wirft dich in Sachen Gleichberechtigung nochmal um ein paar Jahrzehnte zurück. Nicht nur im Beruf, auch in der Partnerschaft. Und in der Öffentlichkeit stillen? Igitt!
Als Frau giltst du immer noch als Objekt. Der Begierde, aber auch der «Sünde». Deine Sexualisierung hat mitnichten aufgehört, sie wird immer extremer. Entweder bist du zu dünn oder zu fett. Und bitte werde nicht alt, das ist ja nicht mit anzusehen! Ach ja und du solltest dich bitteschön wie eine Lady benehmen und anziehen. Denn daran wirst du gemessen, nicht etwa an deiner Intelligenz. Das fängt schon als Mädchen an.
Du wirst immer noch von deinem Freund, deinem Mann geschlagen, was du übrigens ebenfalls rechtfertigen sollst.
Geschweige denn, wenn du schwarz, lesbisch, transgender bist oder sonst «aus dem Rahmen» fällst!
Nein Lisa, du bist nicht gleichberechtigt. Deine Töchter übrigens auch nicht. Aber ich verstehe, dass du kein Opfer sein willst. Du glaubst Feministen und Feministinnen sind emotional, irrational und unvernünftig. Was regen die sich so auf? Wieso sind sie nicht zufrieden mit ihrem Leben?
Weisst du was? Auch für dich gingen diese Frauen letzten Samstag auf die Strasse. Überall auf der Welt. Damit deine Töchter und deren Töchter irgendwann vielleicht mal sagen können, sie seien gleichberechtigt. Keine Angst, wir sind da.

Dieser Text erschien erstmals auf wireltern.ch

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