Mittwoch, 5. April 2017

Kinder, prügelt euch!



Doch, das meine ich genauso! Es ist nämlich normal, wenn Kinder sich ab und zu auf die Köpfe geben. Nur wir Erwachsenen sehen das anders.
Allen voran die Schule. Wir mussten ein paar Mal an eines dieser ominösen Elterngespräche, an denen «Gewalt» thematisiert wird. Hierzu muss ich vorausschicken, dass wir im Barbapapaland leben, auf dem Land. Keine wirklichen Probleme, keine Drogen, keine Banden, kein (echtes) Mobbing, keine wirkliche Gewalt. Aber wir haben Kids, die einander regelmässig auf die Nerven gehen. Und sich dann manchmal prügeln. Wenn man sie dann lässt.
Versteht mich nicht falsch: Gewalt ist keine Lösung. Dieses Mantra leuchtet mir durchaus ein. Nur, was ist Gewalt? 5 Kinder, die auf eines einschlagen. Check. Gewalt. Ein Kind, das ein anderes mit dem Stock verprügelt. Check. Gewalt. Ein älteres Kind, das auf ein jüngeres losgeht. Keine Frage. Gewalt.
Die Situation ist aber meist die, dass zwei gleichaltrige (in unserem Fall mehrheitlich Jungs) aufeinander losgehen, weil sie sich schon tagelang gegenseitig piesacken und es einem der beiden irgendwann zu viel wird. Der eine macht seiner Wut Luft und geht auf den anderen los. Es fliesst kein Blut, es wird nur laut und heftig.
Das geht nicht. Die Hausordnung besagt, keine Gewalt auf dem Schulareal. Verständlich, wo kämen wir da hin, wenn es einfach ok wäre, sich zu prügeln, wie etwa kurze Hosen zu tragen? Dennoch: Muss man/die Schule/wir Erwachsenen immer gleich eingreifen? Ist es nicht so, dass es nach dem Sturm oft wieder ruhiger wird? Der Gepiesackte ein Zeichen setzen konnte «So nicht, nicht mit mir!»? Der Piesackende erst einmal Ruhe gibt?
Ich finde schon. Und Caroline Mörki, Eltern- und Erwachsenenbildnerin bei der Familienberatungsstelle Familylab auch. Im aktuellen Migros Magazin erklärt sie «Diese Gefühle (Wut) werden tabuisiert, man gibt ihnen kaum noch Raum.» Dabei erfüllten Aggressionen wichtige Funktionen wie etwa zu verstehen, dass man so nicht weiterkommt. Aber das müssten die Kinder eben selber lernen, es nützt nichts – oder ist gar kontraproduktiv – wenn man die Kinder immer bremst und sie dazu auffordert, ihre Wut mit Worten auszudrucken.
Es tat so gut, heute Morgen diese Aussagen zu lesen. Als Mutter, die durchaus damit leben kann, dass ihr Sohn (die Tochter tut es nicht, ist nicht genderspezifisch, ich habe mich oft geprügelt, ist wohl Charaktersache) sich ab und zu prügelt, wenn es ihm zu viel wird, werde ich schnell abgestempelt. Als lasch, ich erziehe meine Kinder nicht etc. Mir ist übrigens durchaus bewusst, dass meine Kinder keine Engel sind. Ich habe nur nichts dagegen, dass sie sich wehren, wenn es sein muss, auch mal physisch.
Auch gehören wir nicht zu den Eltern, die andere Eltern anrufen, wenn es mal vorkommt, dass unsere Kinder die «Opfer» sind. Denn – solange es nur ab und zu ist – auch damit müssen Menschen klarkommen. Und wie bitte schön, sollen die Kids lernen, sich Respekt zu verschaffen, wenn immer wir Eltern eingreifen?
Wir haben in der Schule übrigens nachgefragt, wie oft das denn vorkäme, dass sich unser Sohn «physisch äussere». «Nicht mehr als zweimal im Jahr» war die Antwort. Finde ich ehrlich gesagt kein schlechter Durchschnitt. Interessanterweise geht es den Eltern des anderen Kindes genauso.

Dieser Text erschien erstmals auf wireltern.ch.

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